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Duisburger Filmwoche 38: Immer und immer wieder, ausgerechnet nach Duisburg?!

Warum ist die Duisburger Filmwoche jedes Jahr das Kulturereignis des Ruhrgebietes? Warum gerät der Autor jedes Jahr ins Schwärmen und ist seit rund 25 Jahren ständiger Besucher dieses außergewöhnlichen Filmfestivals? Und: Warum müssen ausnahmslos alle, die etwas mit Medien zu tun haben, zur Duisburger Filmwoche?


Auch die 38. Ausgabe des jährlich statt findenden Ereignisses bot wieder unzählige Überraschungen und Aha-Erlebnisse, aber auch Neubewertungen und ungewohnte Sichtweisen oft auf allzu vermeintlich Bekanntes. Wer nach Duisburg kommt, braucht Energie, Neugier und gewiss braucht er auch Zeit, damit sich etwas einstellen kann, das Seltenheitswert hat: Muse. Muse stellt sich nur ein, wo rascher Konsum aufhört und gedankliche Auseinandersetzung beginnt. Bringt man also Zeit mit, so könnte man diese auf der Filmwoche mindestens in Muse veredeln. Dazwischen liegen übrigens zahllose Momente der Reflektion und Selbstbefragung. Und dies gelingt folgendermaßen: Zu jedem der für dieses Festival ausgewählten Filme schließt eine rund einstündige Filmdiskussion zwischen Filmemacher und Publikum an. Immer wieder führt dies zu spannenden, wohlgemeinten aber auch zu kritischen und merkwürdigen bis hin zu völlig absurden Fragen, eben zu Fragen, die manchmal mehr über die Betroffenheit des Publikums verraten, als über den Film. In seinen stärksten Momenten jedoch erzählt der Filmemacher über Details, die man sonst nirgends erfährt: Über das hohe persönliche, psychische und emotionale Engagement des Filmteams, das den Filmbildern inhärent ist, abgesehen vom finanziellen Risiko und über die Zusammenarbeit mit den Menschen, die sie filmen. Eine große Qualität. Es wäre wirklich wert gewesen, alle Filme zu besprechen – einfacher ist es, das Festival nächstes Jahr vorzumerken.

Dokufilme, Dokufilme, Dokufilme!

In diesem Blog nur eine Auswahl der Filme und diese beginnt mit Eindrücken. Eindrücke, die Filme hinterlassen, können polarisieren oder sie beginnen mit einer Polarisierung. Wie beispielsweise in dem Film Ruina (DE 2014, Markus Lenz, 73 Min.), der in deutscher Erstaufführung die Bewohner eines verlassenen Bankgebäudes zeigt, dass seit 2007 inmitten des Finanzdistriktes von Caracas von Obdachlosen als Lebensgrundlage dient. Kann ein solcher Film eine andere Geschichte erzählen, als die der Horte Krimineller, die einen Zufluchtsort in einer Metropole gefunden haben? Statt urbaner Zerfall zeigt der Film eine gut funktionierende Selbstverwaltung, stellt Bewohner vor, die sich häuslich in dem durch die Finanzkrise nicht ganz fertig gestelltem Gebäude eingerichtet haben und thematisiert die Mikrogesellschaft eines ausgeprägten sozialen Systems, das stets zur Umwelt blickt: Kann langfristig die soziale Legitimität auf eine rechtliche (und menschliche) Basis gestellt werden? Dokumentarfilme können erschrecken. In „Wenn es blendet, öffne die Augen“ (Ivette Löcker, DE 2014, 75 Min., Deutsche Erstaufführung) steht der Alltag zweier junger drogenabhängiger Menschen in Russland im Zentrum. Der Film spiegelt die beengten Wohnungsverhältnisse, Glück, Trauer, Verzweiflung, Liebe, Enttäuschung, Hoffnung, degenerierte und zerfallene Körper und die Sorge der alternden Mutter um ihren Sohn wieder – all das unter dem Damoklesschwert des Todes. Dokumentarfilme können zur Selbstreflexion einladen. Indem Routinen eines Autors nachgezeichnet werden, in immer wiederkehrenden Vorstellungen und Ankündigungen vor Publikum, Interviews, die gleichen Fragen und immer ähnliche Antworten auf diese Fragen wird gleichsam der Literaturbetrieb auf die Spitze getrieben. In „Le Beau Danger“ (René Frölke, DE 2014, 100 Min.) verschmelzen diese Aufnahmen mit Naturbildern und minutenlangen Textpassagen des Schriftstellers Norman Manea, der 1936 in der Bukowina geboren und 1941 mit seiner Familie deportiert wurde. Der Film fordert die Wahrnehmung heraus: Wann hört Film auf und beginnt Literatur? Was kann man über einen Autor erfahren, der weiß, wie man professionell mit den Medien spielt? Dokumentarfilme können poetisch-tiefgründig-mythisch und grenzüberschreitend sein. In Tristia – Eine Schwarzmeer-Odyssee (Stanislaw Mucha, DE 2014, 100 Min.) werden sieben Länder auf zwei Kontinenten durchreist. Nach Meinung des Festivalleiters Werner Ruzicka strömt der Film ein ‘”Aroma der Orte aus, welches auch von Gefahr und Aufgeladenheit der politischen Situation geprägt sei” (Duisburger Filmwoche, Diskussionsprotokoll No. 23).

Spätfolgen und Gratifikationen

Dokumentarfilme, so lässt dieser kurze Einblick erahnen, sind komplex und facettenreich, sie entziehen sich oftmals dem direkten verbalen Zugriff – und das ist ihre große Stärke. Teils Odyssee, teils Entdeckungs- und Lustreise, kommt man von Duisburg sieht man die Welt anders, im besten, weil produktivsten Fall geschieht eine Reflexion. Im Rückblick der Anstrengungen, die jeder Arbeit am Bewusstsein mit dokumentarischen Filmen unterliegt, nimmt man nun die Differenz zum konsumträchtigen, effektgetriebenen und durchkalkulierten Plot mit unwiderruflich vorgesehenem Happy End der massenattraktiven Medien stärker wahr. Aber man schätzt auch gute Unterhaltung. Das Leben darf, aber sollte nicht nur eskapistisch sein. Wie jede schöne Erfahrung, die man nicht weiter pflegt, ist auch hier die Gefahr groß, dass sich die geschärfte und erweiterte Sinneswahrnehmung nach wenigen Monaten abschleift und in gewohnte Muster fällt. Auch wenn es normativ klingt: Einmal im Jahr sollte man das Wahrnehmungsangebot der Duisburger Filmwoche weidlich nutzen.

Duisburger Filmwoche, das Filmfestival für den Dokumentarfilm.

Duisburger Filmwoche, das Filmfestival für den Dokumentarfilm.

Duisburger Filmwoche, erkenntnisreiche Gespräche mit den Filmemachern.

Duisburger Filmwoche, erkenntnisreiche Gespräche mit den Filmemachern.

Duisburger Filmwoche, spannende Diskussionen mit dem Publikum.

Duisburger Filmwoche, spannende Diskussionen mit dem Publikum.

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