Im Fokus

Ein Besuch im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim) in Augsburg

Autor: Prof. Dr. Gerti Papesch

Gespannt betritt eine Gruppe von Personen den Maschinensaal des tims und wird von einem ehemaligen Mitarbeiter der Kammgarnspinnerei in Augsburg empfangen. Mit viel Detailwissen erklärt er die Funktionsweise eines Leinenwebstuhls, der mit 180 Schuss pro Minute ein Leinengewebe mit bis zu 80 cm produziert. Dann startet er die liebevoll restaurierte Maschine – ein ohrenbetäubender Lärm macht sich breit: Willkommen in der Welt der Maschinen, Textilien und Muster und einem spannenden Teil Bayerischer Industriegeschichte.

Das Museum

Mit 105.000 Besuchern (2015) zählt das tim zu einem der beliebtesten Landesmuseen in ganz Bayern.[1] Errichtet ist das Museumsgebäude auf dem Gelände der Augsburger Kammgarnspinnerei, einer ehemaligen Textilfabrik, und befindet sich in einem aus unterschiedlichen Gebäuden bestehenden Komplex, welche 2007 saniert und umgebaut wurden. Verantwortlich für den Umbau zeichnet der Grazer Architekt Klaus Kada, der die ehemalige Produktionsstätte in den Mittelpunkt seines architektonischen Konzepts stellte (s. Abb. 1).[2]

Abb. 1: Außenansicht des Staatlichen Textil- und Industriemuseums (tim) Quelle: tim (2016c)

Abb. 1: Außenansicht des Staatlichen Textil- und Industriemuseums (tim)
Quelle: tim (2016c)

Er verband die bestehende Shedhallenkonstruktion aus 1950 mit einem benachbarten älteren Geschoßbau, wobei er den Zwischenraum beider Gebäudeteile als Achse und zentralen Raum des Museums gestaltet hat. Hier befindet sich das Herzstück des Museums – die umfangreiche Sammlung der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK) –, welches sich schon über den Eingangsbereich dem Besucher durch seine großzügige Gestaltung präsentiert. Das Gestaltungskonzept für das Museum erarbeitete das Atelier Brückner aus Stuttgart, welches drei Bezüge für den Besuch des Museums bietet:[3]

-       Vom Rohstoff zum Kleid: Die Entstehung der Bekleidung, dokumentiert über die einzelnen Arbeitsschritte
-       Die Muster: Die Stoffbuchsammlung der NAK
-       Die Geschichte des Bayerischen Textilgewerbes in chronologischer Form

Dabei verweben sich Textilproduktion und Textilgeschichte zu einem Erzählstrang, welcher die Musterbuchsammlung im Inneren des Museums einhüllt. Obwohl das tim mit seiner Dauerausstellung als Industrie- und Technikmuseum angelegt ist, versteht es sich als Mit-mach-Museum, das sowohl temporäre Ausstellungen, Events, Workshops etc. veranstaltet, um einen Begegnungspunkt für das kulturelle Leben, aber auch den politischen Diskurs zu bilden.[4]

Der Maschinensaal

Der Museumsrundgang startet mit der Präsentation unterschiedlicher textiler Rohstoffe – natürliche wie synthetische – und die Möglichkeiten des Verspinnens der Ausgangsstoffe. Einfache, interaktiv gehaltene Modelle und historische Maschinen erleichtern das Verständnis in diesem Arbeitsschritt, bevor der Besucher den vom Museumsrundgang abgetrennten und durch einen Glasbau geschützten Maschinensaal betritt (s. Abb. 2).

Abb. 2: Der Maschinensaal im tim Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Abb. 2: Der Maschinensaal im tim
Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Hier lernt der Besucher weitere Webstühle kennen. Ein Highlight im Maschinensaal bildet die Sauerer Schützenwebmaschine, welche Stoffe mit Jacquardmuster produziert. Joseph Marie Jacquard (1752-1834) erfand 1805 in Frankreich einen Webstuhl, der es ermöglichte, komplizierte, bildgleiche Muster auf einer Fläche vollständig mechanisch zu weben. Dies war einer der ersten Schritte in der Wandlung des Gewebes vom Luxusartikel zum Massenprodukt.

Der Weg in die Industrialisierung

Beeindruckt von den Vorführungen im Maschinensaal wendet sich der Besucher der Historie der Textilverarbeitung zu. Erfolgte die Textilherstellung bis zur Industrialisierung vorwiegend in häuslicher Produktion, fertigten schon um 1500 Weber die entsprechenden Stoffe. In Zünften organisiert, erlangten die Weber rasch Einfluss und Bedeutung in der Augsburger Kaufmannschaft, was das heute noch in der Augsburger Innenstadt befindliche Weberhaus eindrücklich dokumentiert. Eng mit der stetig voranschreitenden Industrialisierung sind in der Augsburger Textilbearbeitung u.a. die Namen folgender Augsburger verbunden:

-       Georg Neuhofer (1660-1735): Einführung des Kattundrucks in Augsburg um 1700[5]
-       Johann Heinrich Edler von Schüle (1720-1811): Schüle´sche Kattunmanufaktur (erbaut 1770-1772), die berühmteste Manufaktur in Süddeutschland (beherbergt heute die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Augsburg)[6]
-       Karl Forster (1788-1877): Erbauer der Kattundruckerei Schöppler&Hartmann (1885), die spätere NAK, in welcher die besagte Stoffmusterbuchsammlung entstanden ist.[7]
-       Ferdinand Benedikt von Schaezler (1795-1856): Verantwortete die Gründung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei in Augsburg SWA (1837), welches als das älteste Textilproduktionsunternehmen gilt. [8]Ihre Spuren findet man in Augsburg u.a. noch im Proviantbachquartier mit dem Alten Fabrikschloss, den anliegenden Arbeiterwohnungen und am Glaspalast.

Neben dem Weben existiert das sogenannte Knitting, welches textile Flächen durch Stricken oder Wirken entstehen lässt. Das Museum beherbergt u.a. einen Rundstrickautomat zum Stricken von bspw. Socken, Strümpfen und Unterwäsche sowie eine Flachstrickmaschine für das Erzeugen von bspw. Pullover und Jacken.

Die Musterbücher

Bevor der Besucher in den Bereich der Textilveredelung gelangt, empfangen ihn drei überlebensgroße, mehrere Meter hohe „Grazien“ auf einem roten Teppich. Flankiert wird diese Raumeinheit, die als „begehbares Musterbucharchiv“[9] konzipiert ist, von der Stoffmusterbuchsammlung der NAK. Da jeweils nur Doppelseiten der Folianten zu besichtigen sind, kann der Besucher über ein Terminal Muster auswählen und dann auf eine der Grazien projizieren, wodurch je nach Muster ein neues Licht- und Farbkonzept die Ausstellungshalle belebt (s. Abb. 3). Musterbücher beinhalten Tuchproben, die als Gedächtnisstütze, aber auch als Inspirationsquelle dienen. 150 Musterbücher mit 1,3 Mio. Mustern dokumentieren die Muster- und Modeströmungen der letzten 200 Jahre.[10] Beeindruckt von der Vielfalt der Muster folgt der Besucher weiter dem textilen Prozess.

Abb. 3: Interaktives Musterbuch vor einer der „Grazien“ im Saal des Musterbucharchivs   Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Abb. 3: Interaktives Musterbuch vor einer der „Grazien“ im Saal des Musterbucharchivs
Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Das Bedrucken der Stoffe

In der Textilveredelung mit der Weiß- und Buntveredelung wird die Textilie mit verbesserten Trage- und Verarbeitungseigenschaften (z.B. pflegeleicht oder weich) sowie mit Farbdruck ausgestattet, bevor sie weiter verarbeitet wird. Dabei kommt neben dem Weben dem Textildruck im Rahmen der Buntveredelung große Bedeutung zu. Ausgehend von einer Musterzeichnung wird das jeweilige Muster in einen Rapport zerlegt, welcher als Einheit hintereinander abfolgend auf den Stoff gedruckt wird. Die älteste Druckform ist der Modeldruck, ein Direkt- und Hochdruckverfahren, das im 18. Jhd. in Augsburg eine Blüte erlebte.[11]

Ähnlich wie bei den Webmaschinen schritt ab dem 19. Jhd. die Industrialisierung bei den Druckmaschinen schnell voran. Mit der Erfindung der Walzendruckmaschine, die im Tiefdruckverfahren arbeitet, konnten die Stoffe mechanisch, schneller und in großen Mengen verarbeitet werden. Die ausgestellten Druckwalzen zeigen dem Besucher eindrucksvoll die Kunst der Graveure, welche den Musterentwurf mit Sticheln in den weichen Stahl übertrugen. Doch auch der Walzendruck wird von modernen und schneller verarbeiteten Verfahren, wie der Fotogravur und dem Filmdruck abgelöst. Der Umgang mit dem Mustern wird dadurch flexibler, die Druckkosten geringer. Der Filmdruck (auch Schablonen- oder Siebdruckverfahren) kam Anfang des 20. Jhd. aus Japan und den USA und löste den Walzendruck ab.[12]

Der Niedergang der Textilindustrie

Um 1850 gab es in Augsburg 20 große Textilfabriken, die einen hohen Bedarf an Arbeitskräften hatten, was zu einem deutlichen Zuzug an Personen nach Augsburg führte. Die Stadtbevölkerung verdoppelte sich auf 123.000 Einwohner, was entsprechende soziale Probleme mit sich brachte (z.B. Wohnungsnot).[13] Bis zum Jahr 1936 gab es in Durchschnitt 500 Beschäftigte pro Werk (Bundesdurchschnitt 69 Beschäftigte) mit 22.000 Webstühlen, welches zehn Prozent der Gesamtkapazität der deutschen Textilindustrie darstellte.[14]

Ab 1750 ersetzten Maschinen sukzessive Menschenkraft und die Bayerische Textilindustrie geriet ab 1914 regelmäßig in Krisen, auch wenn es den Betrieben immer wieder gelang, sich zu modernisieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. So gab es 1914 in Augsburg 14.500 Beschäftigte in der Textilindustrie[15], die sich nach einem Einschnitt im Zweiten Weltkrieg bis 1957 auf 17.500 Beschäftigte erhöhte. Ab da erfolgte ein dramatischer Rückgang von 7.344 (1991) auf 1.463 Beschäftigte in 2000. [16]

Die Mode im Wandel der Zeiten

Der Rundgang führt den Besucher weiter in die Welt der Mode. Exponate aus 200 Jahren (1830-1939) zeigen den modischen Wandel und die Entwicklung der Gesellschaft in Form von Bekleidung ab. Angefangen von der Mode des Biedermeiertums hinweg über die Mode in den beiden Weltkriegsphasen bis hin zur Entwicklung des Bikinis und der Dessous wird nachdrücklich dokumentiert, wie sich die Einstellung der Gesellschaft zur Mode und zum menschlichen Körper verändert hat.

Abb. 4: Muster und ihre Umsetzung in Mode   Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Abb. 4: Muster und ihre Umsetzung in Mode
Quelle: tim (2016b) Foto Eckhart Matthäus | www.em-foto.de ©

Bevor der Besucher die Welt der Mode verlässt, wird er mit einer Palette Hightech-Textilien bekannt gemacht. Ihre Anwendungen finden sich u.a. in der Automobilindustrie, in der Medizin, im Umweltschutz, aber auch im Bereich des Sports. Neben innovativen Fasern, wie Carbonfasern oder Polyimidfasern, werden künftig Mikroelektronikbausteine und Sensoren in den technisch geprägten Textilien eingesetzt werden.

Durch eine unspektakuläre Türe verlässt der Besucher die Ausstellung, die ihm eine Welt von Maschinen, Mustern und Mode gezeigt sowie einen geschichtlichen Zugang zur Bayerischen Textilindustrie gegeben hat. Über die drei unterschiedlichen Zugänge dokumentiert das tim nicht nur die Historie eines bedeutsamen Industriezweiges, sondern bildet mit seinen Exponaten, Vorführungen und interaktiven Elementen auch einen authentischen und lebendigen Zugang zu einem symbiotischen Ort aus musealer Präsentation und zeitgemäßer Inszenierung.[17]

Literatur

Augsburgwiki (2016): http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/KattundruckereiSchoeppler
UndHartmann, Erstelldatum: 16.02.2016, , Abfragedatum: 17.121016
Loibl, R., Murr, K.B. (2010): Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg. Museumsführer, Wißner-Verlag Augsburg
Ruckdeschel, W. (2004): Industriekultur in Augsburg, BRV Verlag, Augsburg
tim (2016a): tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, http://www.timbayern.de/wp-content/uploads/2016/01/PM-tim-2016.pdf, Erstelldatum: 27.01.2016, Abfragedatum: 17.121016
tim (2016b): tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, http://www.timbayern.de/presse/corporate-media/, Erstelldatum: 10.01.2013, Abfragedatum: 17.121016
tim (2016c): tim | Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, http://www.timbayern.de/architektur/geschichte/, Erstelldatum: ohne Datum, Abfragedatum: 17.121016

Fußnoten

[1] vgl. tim (2016a)
[2] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.21 ff
[3] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.24-25
[4] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.20
[5] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.34-35
[6] vgl. Ruckdeschel, W. (2004), S.80-81
[7] vgl. Augsburgwiki (2016)
[8] vgl. Ruckdeschel, W. (2004), S.88ff
[9]Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.25
[10] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.120
[11] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.88
[12] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.95
[13] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.44
[14] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.48
[15]vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.55
[16] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.12-13
[17] vgl. Loibl, R., Murr, K.B. (2010), S.28

 

 

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