Im Fokus

Engagement im Bereich der Fotografie

Fotografie begleitet den Strukturwandel im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet war spätestens seit den 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts eine geschundene Region. Die Spuren der Industrialisierung und deren Hinterlassenschaften prägten das Landschaftsbild zwischen Ruhr und Emscher. Durch unterschiedliche Projekte wurde versucht, dem Schicksal vieler anderer Industrieregionen entgegenzuwirken. Die ungenutzten Industriebauten sollen nicht mehr abgerissen, sondern saniert und für neue Nutzungen aufbereitet werden. Die Umwandlung von brachliegenden Industrieflächen wurde 1989 bis 1999 von der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) begleitet. Erstmals wiesen die Kernthemen einer Bauausstellung weit über die Bereiche Bauen, Wohnen und Stadtumbau hinaus. Die Kathedralen der Arbeit, die Wahrzeichen des alten Reviers waren, wurden zu bleibenden Landmarken. So wurden unter anderem der Gasometer Oberhausen und die Essener Zeche Zollverein vor dem Abriss bewahrt – zwei Industriegebäude, die nun als spektakuläre Ausstellungsorte zu Wahrzeichen ihrer Städte geworden sind.

Nach 10 Jahren ist es der IBA gelungen, aus vermeintlich nutzlosen Relikten der vergangenen Industrieepoche dem Revier ein neues Image zu generieren. Mit dem neugewonnenen Selbstbewusstsein entstanden künstlerische Projekte im Bereich der Fotografie, die den Strukturwandel begleiten.

Das „Bridges Projekt Emscher Zukunft“ und das „Pixelprojekt-Ruhrgebiet“ begleiten den Wandel mit den Möglichkeiten der Fotografie. Das Medium der Fotografie wurde zum Teil Ideenlieferant für weitere Planungsprozesse.

Klärwerk der Emschergenossenschaft

Bild 1: Klärwerk der Emschergenossenschaft

Anmerkungen: Jury, IBA

Download der Infobroschüre zur Ausstellung:
http://www.iba.heidelberg.de/files/61_pdf_wissenschafftstadt_ibameetsiba.pdf

Das Pixelprojekt-Ruhrgebiet

Das Pixelprojekt Ruhrgebiet wurde 2003 auf Initiative von 26 freien Fotografinnen und Fotografen gegründet. Als Vorbild diente die Fotografenagentur „Magnum Photos“. Seit der Gründung ist das Fotoarchiv zu einem weit über die Region hinaus beachteten Projekt hochwertiger Fotografie herangewachsen.

Im Gegensatz zu anderen Fotoagenturen verfolgt das Projekt keinerlei kommerzielle Interessen und besitzt auch keine Nutzungsrechte an den Fotografien. Vielmehr sieht es sich als visuelles Gedächtnis der Region, vorrangig mit einer künstlerischen, gesellschaftlichen und regionalen Verpflichtung.

Das Pixelprojekt-Ruhrgebiet wurde 2013 im Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2013/2014 als eine der besten Ideen Deutschlands für die Gestaltung der Stadt der Zukunft ausgewählt.

Seit 2005 wurden von mir folgende Serien in den Sammlungsbestand aufgenommen:

Hofkultur (2005)

Der Begriff „Hofkultur“ scheint zunächst die falsche Wortwahl zu sein und ist meistens mit anderen Assoziationen belegt. Es verhält sich dabei aber so wie mit dem Wort „Landschaft“ wenn man ein Industriegelände beschreibt. Wir reden heute selbstverständlich von „Industrielandschaft“. Seit Ende 2004 fotografiere ich in den Hinterhöfen der Region, die im Allgemeinen als „Revier“ bezeichnet wird. Das Revier, die Region opferte seine Landschaft der Industrie, seine Flüsse dem Wohlstand. Die Menschen die hier arbeiteten, schufen sich in ihrem privaten Bereich einen Ausgleich, ihre eigenen Inseln. Diese Inseln waren die Hinterhöfe mit ihren Stallungen und Gärten. Zunächst waren die Gärten Nutzfläche und die Stallungen dem Kleinvieh vorbehalten. Mit zunehmendem Wohlstand änderte sich der Gebrauch von Hof und Garten. In diesen kleinen Hinterhöfen entstanden Kleinode voller Erinnerungen und Lebensgefühl. Die Atmosphäre reicht von mediterraner Stimmung bis zur fernöstlichen Anmutung. Besonders auffällig ist dabei die Vorliebe der Menschen zum Wasser. Es entstanden hier Biotope, Koiteiche und kleine Flusslandschaften. Mit den Veränderungen der natürlichen Landschaft verändert sich auch die Wohnkultur in diesen Siedlungen.

Der kleine Anbau diente früher als Kaninchenstall oder Taubenschlag

Bild 2: Der kleine Anbau diente früher als Kaninchenstall oder Taubenschlag

Ripse (2006)

Das Wort Industriekultur war noch nicht gefunden als Mitte der 1960er Jahre der Abriss von einigen Arbeitersiedlungen geplant und teilweise begonnen wurde. Doch die Bewohner protestierten: Sie liebten ihre Siedlungen, ihre Gärten, den nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Auch die Siedlung an der Ripshorster Straße war vom Abriss bedroht. Die unsichere Zukunft der Häuser führte zu vereinzeltem Leerstand, da die Wohnungen nicht neu vermietet wurden. Als der allmähliche Verfall der Siedlung begann, gründete sich die Bürgerinitiative ‚RETTET DIE RIPSE‘. Sie machte auf die Missstände aufmerksam und versuchte, eine Neuvermietung der leerstehenden Häuser zu erreichen – jedoch vergeblich. Im April 1981 wurde das erste Haus auf der Ripshorter Straße besetzt. Große Teile der Nachbarschaft solidarisierten sich mit den Zielen der Besetzer. Zwei Jahre später wurden die Forderungen der Besetzer erfüllt: Die nötigsten Renovierungen wurden vorgenommen und neue Mietverträge abgeschlossen. Als mit den Planungen um die „Neue Mitte Oberhausen“, das alte Industriegelände zum Objekt der modernen Stadtplanung wurde, erschien die ‚„Ripse“ erneut als Störfaktor. Wieder wurden Überlegungen angestellt, die Häuser abzureißen; wieder kam es zum Protest der Bewohner, der erneut von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde. Schließlich gründeten die Bewohner eine Genossenschaft, über die der Ankauf der Siedlung geregelt werden sollte. 2001 wurde der Kaufvertrag unterschrieben und nach 20 Jahren war der Häuserkampf an der Emscher beendet. Im Laufe der Jahre entstand so aus einer ehemaligen Arbeitersiedlung eine alternative Wohnsiedlung in der Alte, Arbeitslose, Akademiker, Ausgegrenzte und Ausländer ihr zuhause fanden.

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Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer

Bild 3 u. 4: Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer

Bewegte Landschaft (2008)

Die einst vertrauten schwarzen Kohlen- und Kokshalden, die das Panorama der Emscher bildeten, sind aus dem heutigen Landschaftsbild fast verschwunden. Geblieben sind Berge aus taubem Gestein – das Erbe des Bergbaus. Sie sind Orte der Erinnerung an die legendäre Montanzeit. Landmarken erinnern an versunkene Kulturen und machen sie zu mystischen Plätzen. Zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal erstrecken sich die letzten ökonomisch genutzten Gebilde der bewegten Landschaft. Fasziniert von der magischen Ausstrahlung der Berghalden fotografierte ich ein Jahr lang ein Relikt aus fast vergessenen Zeiten – das Kohlen- und Kokslager der Deutschen Steinkohle. In diesem kurzen Zeitraum veränderte sich fast täglich das Aussehen einer fast menschenleeren Mondlandschaft. Maschinen schütteten neue Halden auf; an andere Stelle wurden sie wieder abgetragen. Zwischen Auf- und Abschüttung eroberte sich die Natur ihr Terrain zurück. Wind und Regen hinterließen ihre Spuren genau sowie Bagger und Raupen.

Kohlenlager

Das Kohlenlager der Ruhrkohle AG

Bild 5 u. 6: Das Kohlenlager der Ruhrkohle AG

 

Türlauben (2012)

Die Fotoserie zeigt selbstgestaltete Türen in Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Damit wird ein vom Abriss bedrohter Bereich dokumentiert, der sukzessiv standardisierten und uniformen Formen des Wohnens weicht. Die aus mehreren Materialien zusammengesetzte Einmaligkeit der selbstgebauten Eingangsbereiche zeigt individuelle Lebensformen, die zunehmend verloren gehen.

 Türlauben, typische Anbauten in den Zechensiedlungen

Bild 7: Türlauben, typische Anbauten in den Zechensiedlungen

Rausgestellt (aktuell)

Es sind die Gegenstände am Straßenrand, die einst wunderschöne Wohnträume waren. Sie sollten die Räume mit sinnlichen, stimmungsvollen und praktischen Elementen vereinen.

Ausrangiert vor der Haustür, an der Hauswand gestellt, gestalten diese Raumreste keinen privaten Raum, sie verbleiben für kurze Zeit in der Öffentlichkeit.

In regelmäßigen Abständen oder auch nach telefonischer Vereinbarung werden die Träume der vergangenen Zeit mit dem Sperrmüllwagen entsorgt. Zu hohen Bergen akkurat aufgebaut oder lieblos am Straßenrand deponiert warten sie auf ihren Schreddertod.

Sperrmüll

Bild 8: Sperrmüll

Die Sammlung des Bridges Fotoprojects

Das zweite große Fotoprojekt im Ruhrgebiet beschäftigt sich mit dem Umbau einer Flusslandschaft und beschäftigt sich mit der Emscher, einem Fluss der der Industrie geopfert wurde. Der Fluss soll wieder blau werden und natürlich fließen. 30 Jahre sind dafür geplant, dem Fluss ein neues Gesicht zu geben. Der Emscher-Umbau wird durch den Fotowettbewerb Bridges begleitet. Die fotografische Auseinandersetzung dokumentiert Erinnerungen, Lebensgefühl und Visionen, die die Veränderungen der Flusslandschaft mit sich bringen. Acht Jahre nach dem Start des Fotoprojekts wurde die Sammlung, unter dem Thema „Concrete Poetry“ im Bochumer Kunstmuseum vorgestellt.

Die Ergebnisse werden am Ende des Emscher-Umbaus im Jahr 2020 eine neue Landschaft zeigen.

Das Kohlenlager der Ruhrkohle AG

Bild 9: Das Kohlenlager der Ruhrkohle AG

Anmerkungen:

IBA

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es eine noch nie da gewesene Konzentration von Menschen, die Städte wuchsen explosionsartig. Seit mehr als 100 Jahren zeichnen sich internationale Bauausstellungen als einflussreiche Instrumente der Stadtentwicklung aus. Ab 1901 fanden in unregelmäßigen Abständen insgesamt acht Bauausstellungen in verschiedenen deutschen Städten und Regionen statt.

Das erste IBA-Projekt war die Mathildenhöhe in Darmstadt. Der junge Architekt J. Olbrich übernahm die Gesamtplanung der Künstlersiedlung. Vom Jugendstil wurde die Architektur der ersten internationalen Bauausstellung geprägt.

Jury

Die Auswahljury besteht aus Dr. Sigrid Schneider, Leiterin des Fotoarchivs des Ruhr-Museums Essen, Prof. Elisabeth Neudörfl, Professorin für Dokumentarfotografie an der Folkwang Universität der Künste, Prof. Heiner Schmitz, Vorstandsmitglied des BFF (Bund Freischaffender Fotodesigner), Prof. Dr. Anna Zika, Kunsthistorikerin an der Fachhochschule Bielefeld, Prof. Hermann Dornhege, Professor für Fotografie an der Fachhochschule Münster sowie Peter Liedtke, Leiter des Pixelprojekt-Ruhrgebiet.

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