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Schön kitschig!

Rokoko, Jeff Koons und Gucci – können sie uns helfen zu verstehen, ob Kitsch schön oder hässlich ist? Und wer beschreibt ihn als eine Art von sentimentaler Vortäuschung der Gefühle? Als ständiger Begleiter unsers Lebens und sogar der Geschichte, ist es ein Begriff, den man sich kritisch anschauen sollte, wenn auch vielleicht nur um ihn besser zu begreifen.

Abb. 1: Verglaster Balkon in München mit Dekorationen

Abb. 1: Verglaster Balkon in München mit Dekorationen

Wir alle kennen Kitsch. Wir kennen es aus Disney Filmen, aus der Popkultur, von Barbie und ihren Freunden, aus den ethnischen Läden in der Nähe vom Hauptbahnhof, vom Vorbeigehen an kleinen Gärten aus denen uns die mythischen Gartenzwerge entgegenlächeln oder aus dem Wohnzimmer einer entfernten Verwandten, wo zwei Porzellanschwäne – auf einem See aus gehäkelter Spitze – in die Ewigkeit schwimmen. Kitsch gibt es jedes Jahr für alle: Zu Ostern, zu Weihnachten und am Muttertag. Kitsch wird oft mit Kleinbürgerlichkeit und Sentimentalität gleichgesetzt.

Abb. 2: Das perfekte Wohnzimmer mit Porzellanschwänen auf Häkeldecke

Abb. 2: Das perfekte Wohnzimmer mit Porzellanschwänen auf Häkeldecke

Aber was ist Kitsch? Seit wann gibt es ihn? Ist Kitsch hässlich oder schön? Hans-Dieter Gelfert unterschied im Jahr 2000 in seinem Buch „Was ist Kitsch?“ zwischen dem niedlichen, gemütlichen, sentimentalen, religiösen, poetischen, sozialen Kitsch, Naturkitsch, Heimatkitsch, mondänen, erotischen Kitsch, Gruselkitsch, ideologischen Kitsch und weiteren Erscheinungsformen. 1958 diskutierte man den Begriff in Der Zeit und zitierte Heinrich Gonski: „Als Kitsch möchte ich ein Werk bezeichnen, in dem das Reale, das Künstlerische und das Emotionale nebeneinander stehen, ohne sich gegenseitig zu durchdringen, wobei das Emotionale ungebändigt ist und überwuchert.“ Aha. Es handelt sich also um Kunst. Ist Kitsch also eine Kunstform? Wir gehen zwei Jahrzehnte zurück, als der amerikanische Historiker und Kunstkritiker Clement Greenberg in seinem Essay von 1939 sagte, dass es für den Künstler nur noch zwei Optionen gäbe: Entweder man gehöre zur Avant-Garde und bestreite die alten Gewohnheiten des figurativen Malens, oder man produziere Kitsch.

Tatsächlich gibt es Künstler, die sich der letzteren Option gewidmet haben und großen Erfolg erzielt haben. Jeff Koons beispielsweise, hat Kitsch in der Wahl seines Materials, der Protagonisten seiner Kunstwerke, in der Größe und in der Bedeutung seiner Werke integriert, so dass sie ein Rundum-Kitsch-Sorglos-Paket bieten. Hier ist Kitsch übertrieben, geht über seinen eigenen Grenzen hinaus und wird plötzlich cool. Koons schaffte übergroße glänzende Fuchsia Pudel, die aus vermeintlich aufgeblasenen Jahrmarktluftballons gemacht wurden; er fotografierte seine ehemalige Gemahlin, eine berühmte italienische Darstellerin erotischer Filme und spätere Politikerin, in expliziten Posen und romantischen Landhaus-Kostümchen.

Abb. 3: Jeff Koons „Balloon Dog“

Abb. 3: Jeff Koons „Balloon Dog“

Koons verdanken wir ein auch ewiges Denkmal an Michael Jackson, als er diesen samt Affen zu einem modernen Abklatsch der Meissener Porzellanfigur fertigte. Porzellanfiguren von Meissen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert, so würden manche argumentieren, ist eine pure Form von Kitsch und die Dokumentation der Blütezeit des Kitschigen: des Rokoko. Könnte das wohl der Historische Ursprung des Kitsches sein?

Abb. 4: Jeff Koons, “Michael Jackson and Bubbles”

Abb. 4: Jeff Koons, “Michael Jackson and Bubbles”

Abb. 5: Rokoko Meissen Porzellanuhr aus dem 18. Jahrhundert

Abb. 5: Rokoko Meissen Porzellanuhr aus dem 18. Jahrhundert

Kitsch ist aber keine Erscheinungsform der verstaubten Geschichte. Seit 2016 ist Kitsch wieder in Mode, denn Guccis neuer Kreativdirektor Alessandro Michele hat eine Kollektion präsentiert, die von der kritischen Modewelt oftmals als kitschig bezeichnet wurde. Angesagt ist ein gleichzeitiger Mix aus Lurex, pompösen Elementen wie Schleifen, Rüschen und Blümchen en masse, grellen Farbkombinationen und bunten Printmustern mit Glitzer. Man kann Enthusiasmus oder Übelkeit verspüren – das bleibt dem Betrachter überlassen.

Abb. 6: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele

Abb. 6: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele

Abb. 7: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele

Abb. 7: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele

Interessant ist, dass Alessandro Michele in seinem Privatleben sehr auf Rokoko steht. Vogue dokumentierte einen vergoldeten Zweig, der ein Sammelsurium an Antiquitäten beherbergt, wie die berühmten Möpse von Meissen oder bemalte Wiener Vögel. Ist das die Reflektion einer reichen Gefühlswelt des Designers oder ein Trugbild? Eher das Letztere, denn nach den Worten von Theodor Adorno ist Kitsch eine Vortäuschung der Gefühle, die nicht wirklich vorhanden sind.

Abb. 8: Interieur zu Hause bei Gucci Kreativdirektor Alessandro Michele

Abb. 8: Interieur zu Hause bei Gucci Kreativdirektor Alessandro Michele

Doch schauen wir nochmals auf die ursprüngliche Frage: Was ist Kitsch? Seit wann gibt es ihn? Ist Kitsch hässlich oder schön? Nun, kitschiges gibt ihn schon seit mindestens einigen Jahrhunderten; den internationalen Begriff selbst, der überall verwendet wird und den keiner so richtig zu definieren vermag, seit Ende des 19. Jahrhunderts. Er ist nie wirklich akzeptabel und doch ist er allgegenwärtig. So findet man ihn absichtlich oder unbeabsichtigt im Alltag, in der Kunst, der Mode und überall auf der Welt. Kitsch kann sogar Spaß machen, sobald er nicht ernst genommen wird. Doch ob Kitsch wirklich schön ist, bleibt eine Frage der Ethik, Ästhetik und Geschmacks, die sich jeder einmal stellen sollte.

Abb. 9: Barbie und der Gartenzwerg

Abb. 9: Barbie und der Gartenzwerg

Bildquellen:

Abb. 1: Verglaster Balkon in München mit Dekorationen, Quelle: Eigenes Foto

Abb. 2: Das perfekte Wohnzimmer mit Porzellanschwänen auf Häkeldecke, Quelle: http://www.slingshat.com/20-design-and-decoration-modern-minimalist-living-room-2016/glass-flower-vase_-cream-leather-comfort-sofa-set_marble-glossy-table_-sectional-fur-rug_-natural-crystal-wall-lamp_round-steel-chrome-picture-frame_melamine-tea-pot_-porcelain-double-swan-decoration/

Abb. 3: Jeff Koons „Balloon Dog“, Quelle: http://www.widewalls.ch/famous-sculptures-international-sculpture-day/reclining-figure/

Abb. 4: Jeff Koons, “Michael Jackson and Bubbles”, Quelle: https://www.flickr.com/photos/elsa11/15704900904

Abb. 5: Rokoko Meissen Porzellanuhr aus dem 18. Jahrhundert, Quelle: https://www.1stdibs.com/furniture/decorative-objects/clocks/18th-century-rococo-meissen-porcelain-clock-johann-frederick-ebelein/id-f_1565133/

Abb. 6: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele, Quelle: http://www.fashionisers.com/fashion-news/gucci-spring-2016-rtw/

Abb. 7: Gucci SS2016 Kollektion von Alessandro Michele, Quelle: http://www.fashionisers.com/fashion-news/gucci-spring-2016-rtw/

Abb. 8: Interieur zu Hause bei Gucci Kreativdirektor Alessandro Michele, Quelle: http://www.vogue.com/13275023/gucci-alessandro-michele-creative-director-profile/

Abb. 9: Barbie und der Gartenzwerg, Quelle: https://candybarbie.wordpress.com/tag/links/page/2/

Literaturquellen:

„Wir stellten zur Diskussion: Was ist eigentlich Kitsch?“ (06.02.1958) Die Zeit online, http://www.zeit.de/1958/06/was-ist-eigentlich-kitsch/seite-3

“A Point of View: The strangely enduring power of kitsch.” (12.12.2014) BBC online, http://www.bbc.com/news/magazine-30439633

Gelfert, Hans-Dieter (2000) „Was ist Kitsch?“

Adorno, Theodor (2001) “The Culture Industry: Selected Essays On Mass Culture.”

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