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‚Shoppen mit gutem Gewissen‘

‚Shoppen mit gutem Gewissen‘ – ein Kommentar zum Artikel von Sonja Kirchensteiner, erschienen im Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung am 1. Juli 2016

Shoppen mit Gutem Gewissen

Shoppen mit Gutem Gewissen

Nicht erst seit dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesh, bei dem im April 2013 über 1100 Menschen, größtenteils TextilarbeiterInnen, getötet wurden, ist das Wort ‚nachhaltige Mode‘ oder ‚Slow Fashion‘ in aller Munde. Davon zeugt auch ein Artikel in der Jugendbeilage des Straubinger Tagblatts/Landshuter Zeitung vom 1. Juli 2016, in dem ich in einigen kurzen Statements zitiert wurde.

Dass Kleidung – und ihre Rohstoffe – also ökologisch verträglich und unter Einhaltung von sozialen Mindeststandards hergestellt werden sollte, ist also auch bei einer jüngeren Zielgruppe – im Übrigen auch die von vielen vertikalen Anbietern wie Zara und H&M – ein Thema. Mehr noch: Jugendliche wissen über die Ausbeutung von Mensch und Natur in der Textilproduktion, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage von Greenpeace unter 500 Jugendlichen im Januar 2015. Doch auch ein anderes Ergebnis brachte die Untersuchung von Greenpeace ans Tageslicht: Über 80% der Jugendlichen kaufen trotzdem ihre Kleidung bei Fast Fashion Ketten.

Das schlechte Gewissen, die Ahnung darüber, wie die Kleidung bei Preisen, die oft niedriger sind als ein Kaffee bei Starbucks, produziert worden sein muss, lässt sich also beim Anblick der Shoppingtempel – H&M und Zara präsentieren sich in den besten Innenstadtlagen, die Ladeneinrichtung erinnert mit Chrom, Spiegeln und Marmorböden an Luxuskaufhäuser – wunderbar ausblenden. Und wer beim Blick auf das Carelabel mit der Aufschrift ‚Made in Bangladesh‘ dann doch zusammenzuckt, kann sich anders beruhigen: mit der Versicherung, sich keine teuren Klamotten leisten zu können. Das ist durchaus verständlich, gerade bei Jugendlichen, die über kein oder ein geringes Einkommen verfügen, oder auch im Hinblick auf ständig steigende Lebenshaltungskosten. Doch bei Ebbe auf dem Bankkonto sollte man genau rechnen: Laut Greenpeace werden 20% der Kleidungsstücke, die im Schrank hängen, nie getragen. Im Endeffekt kostet also ein Shirt für zehn Euro, das sich als Fehlkauf entpuppt und eben doch nicht angezogen wird, mehr als eines für fünfzig Euro, das einen Sommer lang mindestens einmal pro Monat getragen wird.

Weniger könnte also mehr sein – diese Haltung entspricht nur so gar nicht unserem Konsumverhalten, das sich in den letzten Jahrzehnten gravierend geändert hat. Nur ein Shirt pro Saison also – geht das überhaupt? Auch hier stellt die Studie von Greenpeace klar heraus: Wir haben – verglichen mit den 80er Jahren des letzten Jahrtausends – fast viermal so viel Kleidungsstücke im Schrank. Im Schnitt sind das bei jedem erwachsenen Deutschen 95 Teile – ohne Unterwäsche und Socken. Wir konsumieren also viel mehr als noch vor 30 Jahren, wobei sich allerdings die Gesamtausgaben für Bekleidung (vgl. Statista) in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben: Kleidung ist günstiger geworden. Dies hat verheerende Folgen, in vielerlei Hinsicht: Die Wertschätzung, die wir Mode entgegen bringen sollten, ist einer Wegwerfmentalität gewichen. Kleidung wird immer billiger, zum Teil in sehr unkontrollierbaren Lieferketten, produziert. Und verursacht damit Schaden für Mensch und Umwelt, sowohl in der Herstellung als auch in der Entsorgung. Und die Müll-Kleiderberge aus den Industriestaaten werden oftmals wiederum in den Herstellerländern als Altkleider an die Bevölkerung verkauft.

Trotz aller Konsumfreude: Die Hälfte der Konsumenten wünscht sich Siegel zur ‚Erkennung von nachhaltig, umweltverträglich und fair hergestellter Kleidung…‘ (vgl. Greenpeace). Doch die Zertifizierungen, die Nachhaltigkeit garantieren, muss man – außer vielleicht bei Spezialkollektionen wie Kinderbekleidung – in den meisten Kleidungsstücken vergeblich suchen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft also noch eine große Lücke, nachhaltige Kleidung ist noch ein Nischenprodukt. Dies könnte daran liegen, dass die diversen Siegel sich auf unterschiedliche Stufen der textilen Kette beziehen, und damit für den Endverbraucher Verwirrung stiften – ein Teil, auf dem also ‚Organic Cotton‘ steht, muss noch lange nicht fair produziert worden sein. Vielleicht ist nachhaltige Mode – oder ein Großteil dessen, was unter diesem Namen vermarktet wird – auch noch nicht ‚fashionable‘ genug, von Stella McCartney mal abgesehen. Vielleicht ist aber auch jedem Konsumenten, der sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, klar, worum es eigentlich beim Thema ‚Slow Fashion‘ geht: die eigenen Konsumgewohnheiten ändern, weniger verbrauchen, die einzelnen Kleidungsstücke länger tragen. Die Zeit der Unschuld ist vorbei, wir müssen umdenken, uns einschränken – und das eben ist deutlich unangenehmer, als mit einer vollen Einkaufstüte vom Zara-Sale nach Hause zu kommen.

Quellen:

http://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/mode-jugend-denkt-grun-kauft-aber-konventionell

http://www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/283616/umfrage/konsumausgaben-fuer-bekleidung-in-deutschland/

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