Im Fokus

Stricken zur Primetime – Das Phänomen Slow TV aus Norwegen

Wer Fernsehen zu seinen Hobbys zählt, steht vermehrt unter Zeitdruck: Je rascher man sich durch die neue Staffel von „House of Cards“ gearbeitet hat, desto schneller kann man sich der neuen Serie „Better call Saul“ auf Netflix widmen. Und dann warten da noch zehn Folgen von „Breaking Bad“ auf DVD, die man sicher bis zum Mittwoch geschafft hat, um rechtzeitig das Finale von „Mad Men“ anzusehen – und nebenbei bloß nicht den viel besprochenen Pilot von „The Man in the High Castle“ auf Amazon verpassen, um mitreden zu können.

Seiner Lieblingsserie im Fernsehen zu folgen, war lange Zeit eine langsame und fremdbestimmte Tätigkeit. Man musste eben eine Weile warten und sich in Geduld üben, um die nächste Folge in einer Woche am gewohnten Sendeplatz sehen zu können.

Der Begriff „langsam“ hat in unserer hektischen TV-Landschaft einen durchaus negativen Klang wie etwa „ich war zu langsam, um mit der Serie Schritt zu halten“ – so aber nicht in Norwegen, wo Slow TV sich zu einem kulturellen Phänomen entwickelt hat.

Wie es scheint, haben unsere skandinavischen Nachbarn das Fernsehen als eine ruhige und im wahrsten Sinne des Wortes zerstreuende Aktivität zurückerobert. Sie sehen sich ohne jegliche Zwischenschnitte oder Zeitraffer eine mehrstündige Zugfahrt von Bergen nach Oslo an oder ein durchgängiges fünf Tage dauerndes Programm, welches die Reise eines Schiffs auf der Hurtigrute entlang der Küste zeigt. Fjord für Fjord und Hafen für Hafen von Süden nach Norden mit gemächlichen 22 Knoten Geschwindigkeit – als Direktübertragung zu bester Sendezeit.

Mehrstündige Zugfahrt von Bergen nach Oslo. (Quelle: http://www.nrk.no/)

Mehrstündige Zugfahrt von Bergen nach Oslo. (Quelle: http://www.nrk.no/)

Selbst acht Stunden live Stricken – vom Scheren eines Schaafs, über das Spinnen der Wolle bis zum fertigen Pullover – entpuppte sich als überraschender Publikumserfolg. Hierbei gibt es am nächsten Tag sicher nicht viel darüber in norwegischen Kaffeeküchen den Kollegen zu erzählen, die Clips daraus werden sich in den sozialen Medien kaum viral verbreiten und es wird selten Konflikte geben, wenn ein Kollege das überraschende Ende der Sendung schon im Voraus verrät. Die Seherfahrung ist dafür viel weniger gehetzt und intensiver.

Acht Stunden Live-Stricken (Quelle: http://www.nrk.no/)

Acht Stunden Live-Stricken (Quelle: http://www.nrk.no/)

Vielleicht ist es an der Zeit lange Aufmerksamkeitsspannen zu der Liste an Qualitäten zu setzen, welche die Norweger mutmaßlich für sich entdeckt haben. Es stellt sich die Frage, ob sich Slow TV auch in weiteren Ländern etablieren kann. Besitzen Fernsehzuschauer in anderen Nationen auch so viel Nervenstärke, um Freude an der Monotonie von Pulloverstricken und herunterbrennenden Lagerfeuern im Hauptabendprogramm zu finden?

Sender in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Deutschland versuchen gerade diese These zu überprüfen. Der Travel Channel in den USA wird am 27. November 2015 Slow Road Live, eine zwölfstündige Reise mit dem Wohnmobil durch die einsamen Weiten des Mittleren Westens zeigen. Das Datum ist bewusst gewählt, denn am sogenannten Black Friday beginnt die Rabattschlacht in den Einkaufszentren und die Konkurrenz um Schnäppchen und Parkplätze. Die britischen Fernsehmacher der BBC versuchen mit The Canal – einer zweistündigen Kanalfahrt auf der Themse – ihr Publikum zu begeistern. Der Bayerische Rundfunk startete kürzlich das erste deutsche Slow TV-Projekt mit der Sendereihe MORA. In sehr langsamen Einstellungen konnten die Zuschauer einem schweigenden, in seine Arbeit vertieften Uhrmacher bei der Entstehung einer Taschenuhr beobachten.

Slow TV ist durch einen Zufall entstanden. Ursprünglich wollten die Produzenten des öffentlich-rechtlichen Senders NRK eine Dokumentation über die Bergen-Linie, jene landschaftlich reizvolle Bahnstrecke zwischen Oslo und Bergen, drehen. Nun fand das Team es schade, das herausgeschnittene Material wegfallen zu lassen. Was würde passieren, wenn man das gesamte Material zeigen würde? Die Produzenten beschlossen, das Risiko einzugehen und die Sendung als Innovation zu betrachten.

Die erste Slow TV Sendung in Norwegen war tatsächlich sehr neu und anders. Eine an der Spitze des Zuges montierte Kamera filmte durchgängig die Fahrt durch Tunnel, unter Brücken hindurch und über eine Landschaft hinweg, die zwischen Schnee und Gras wechselt. Hin und wieder taucht in der Ferne ein See auf, um dann langsam aus dem Blickfeld zu gleiten. Das monotone Rattern des Zuges auf den Gleisen wird nur manchmal von einer Stationsansage unterbrochen. Die Handlung, wenn man überhaupt von einer sprechen kann, ist simpel und letztlich meditativ.

Anfangs waren die Erwartungen an die Zuschauerzahlen sehr gering. Vielleicht würde nur eine Hand voll Bahnenthusiasten einschalten. Das tatsächliche Ergebnis bezifferte sich auf überwältigende 1,6 Millionen Norweger die zusahen – und das in einem Land mit fünf Millionen Einwohnern. Eine beachtliche Leistung, welche die Fantasie für noch größere und noch langsamere Projekte beflügelte. Als nächstes wurde die Hurtigrute abgefilmt, jede einzelne Minute der gesamten Fahrt, die sich insgesamt auf 134 Stunden und 42 Minuten belief. Dieses Mal wurde die Schiffsreise live ausgestrahlt, was zu einem nationalen Ereignis wurde. Bewohner der Küste winkten dem Schiff zu und versuchten durch ungewöhnliche Aktionen, die Aufmerksamkeit der Kameras auf sich zu lenken. Viele Menschen schwangen Fahnen oder hielten selbstgestaltete Plakate mit Botschaften.

Bei dieser Ausstrahlung verdoppelte sich die Einschaltquote auf 3.2 Millionen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Seitdem bescherte NRK seinen Zuschauern weitere Sensationen wie die „Nationale Holzfeuer Nacht“ (ein stundenlanges Herunterbrennen eines Lagerfeuers mit detaillierten Diskussionen über die richtige Methode Brennholz aufzuschichten), eine live „Piep-Show“ (kleine Vögel, die in einer Art Minitatur-Kaffee über Stunden herumflattern und Körner verspeisen) sowie die ununterbrochene Ausstrahlung von 899 Kirchenliedern. Ein Fernsehphänomen, das von vielen Kommentatoren und Talkshow-Hosts wie David Letterman weltweit zur Zielscheibe endloser Witze geworden ist. Das war bei diesem ungewöhnlichen Medieninhalt sicher zu erwarten. Worin besteht also die Anziehungskraft? Das Slow TV Team des Senders NRK gibt dazu Erklärungsversuche. Die Sendungen sind beruhigend und haben den Charakter von sozialen Ereignissen, die wie beim Lagerfeuer Gefühle nationaler Verbundenheit wecken. Man kann solche Sendungen durchaus im Hintergrund laufen lassen und gleichzeitig anderen Tätigkeiten nachgehen oder auf zusätzlichen Bildschirmen (Laptop, Smartphone) weitere Medieninhalte konsumieren, ohne viel von Slow TV zu verpassen. Nebenbei kann man sich noch mit anwesenden Freunden unterhalten. Slow TV erwartet nichts vom Zuseher: keine durchgängige Aufmerksamkeit und keine Abstimmungen per SMS. Es ist der mediale Gegenentwurf zum hektischen Alltag. Gleichzeitig lässt sich daran auch ablesen, dass das Medium Fernsehen zur Zeit das gleiche Schicksal ereilt wie das Medium Radio als das Fernsehen in den 1960ern populär wurde – es mutiert zum Hintergrundmedium, zu einer Bild- und Tonkulisse ähnlich einer unaufdringlichen Tapete oder den Schallplatten mit Partygeräuschen von James Last, die in den 1970ern so angesagt waren.

Obwohl die Slow TV-Bewegung revolutionär erscheint, sind die Ideen dahinter nicht allzu neu. Bewegte Bilder in Realzeit gehen auf die Anfänge der Filmkunst, bis zu den Gebrüdern Lumiére zurück. Ihr Film „Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat“ von 1896 zeigt fünfzig Sekunden lang genau das, was der Titel ankündigt. In der Neuzeit haben ungeschnittene oder in Endlosschleife laufende Videos eher Einzug in Kunstgalerien und Museum gehalten und sind nicht Teil der Unterhaltungskultur geworden. Andy Warhol drehte seinen ersten Anti-Film 1963. „Sleep“ zeigte einen schlafenden Mann über mehr als fünf Stunden. Darauf folgte „Empire“, eine über achtstündige Ansicht des Empire State Buildings in New York.

Das heutige Slow TV scheint dagegen die Grenzen zwischen Unterhaltungs- und Kulturfernsehen zu verwischen. Ebenso fluktuiert die Rolle des Zuschauers vom passiven Rezipienten zum aktiven Gestalter des Programms, indem er aus dem schier endlosen Bildangebot einer achtstündigen Zugfahrt jenen Elementen seine Aufmerksamkeit schenkt, welche ihn faszinieren und andere Elemente übersieht, die ihn unterschwellig nicht berühren. Und wie sieht die Zukunft von Slow TV aus? Wahrscheinlich wird nicht viel passieren.

 

Dr. Bert Neumeister ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule in Berlin

 

Quellen:

  • Bevanger, Lars: Norway’s slow TV – now it’s live knitting. Deutsche Welle. 29.10.2013.
  • Gilbert, Gerard: Slow Television – the latest nordic trend. The Independent. 11.02.2014.
  • Hellum, Thomas: Slow TV. NRK. 24.11.2014.
  • Heritage, Stuart: Slow TV – the Norwegian movement with universal appeal. The Guardian. 04.10.2013.
  • Klusak, Detlef: Slow TV – MORA. Bayerischer Rundfunk. 03.03.2015.
  • Merry, Stephanie: A five-day boat ride. Twelve hours of knitting. Are Americans ready for Norway’s Slow TV? Washington Post. 13.03.2015.
  • Okrent, Arika: 4 shows from Norway’s crazy, successful slow TV experiment. The Week. 07.06.2013.
  • Williams, Carol: Slow TV a hit in Norway. Los Angeles Times. 04.10.2013.
Share on Google+Share on LinkedInPin on PinterestShare on TumblrTweet about this on TwitterShare on Facebook