Im Fokus

Social Buschfunk. Die second screen als Kommunikationsmittel während der Rezeption von Social TV [1]

77 Prozent der Deutschen surfen während des Fernsehens im Internet – 18 Prozent von ihnen tauschen sich dabei in sozialen Netzwerken oder Chats über ihre aktuelle Sendung aus. Social TV entwickelt sich aktuell zu einem Megatrend. Durch die parallele Nutzung von Fernseher und Smartphones, Tablet-PCs oder Laptops als sogenannte second screens avanciert der Couch Potatoe zum aktiven Rezipienten, der seine Meinung bzgl. seines TV-Formates und den Akteuren live und in Echtzeit äußert.

Prof. Dr. Helmar Baum

Prof. Dr. Helmar Baum, Fachbereichsleiter Medien- und Kommunikationsmanagement

[1] Der folgende Artikel reflektiert ausgewählte Ergebnisse der Masterthesis „Social Buschfunk: Warum sich Jugendliche auf Facebook über das Dschungelcamp austauschen“ von Alice Antonia Wasserkampf, Berlin, 2013

Social TV

Realityshows wie „Das Dschungelcamp“ zählen mit 28 Prozent zu den fünf Genres, über die sich das Publikum bereits während der Rezeption am meisten austauscht. Ein größeres Gesprächspotenzial liegt lediglich bei Nachrichten (50 Prozent), Soap Operas (47 Prozent), Quizshows (33 Prozent) und Sportereignissen (31 Prozent) vor. Die Kommunikationsfreudigkeit der Zuschauer bei Realityshows ist insbesondere in der geringeren Handlungsstruktur des Genres begründet, die es etwa gegenüber Spielfilmen, dramatischen Serien oder Dokumentationen aufweist, bei deren Rezeption entsprechend weniger geredet wird. Zudem entscheidet man sich – analog zu Soap Operas – zur Rezeption von Realityshows, um den Umgang mit Konflikten zu lernen und sich mit Freunden und Verwandten anschließend darüber zu unterhalten (vgl. Geerts, Cesar & Bulterman, 2008, S. 6-8).

Seit jeher funktioniert Fernsehen als soziale Veranstaltung, die gemeinsam mit anderen in Gruppenrezeption und Anschlusskommunikation erfahren wird; angefangen von den „Fernsehstuben“ der 30er Jahre (vgl. Faulstich, 2004, S. 195) bis hin zu heutigen „Public Viewings“ von Sportgroßereignissen. Jedoch fand 2011 nur noch ein Drittel der privaten Fernsehnutzung in Gemeinschaft statt, während 1992 noch über die Hälfte des Programmangebots gemeinsam rezipiert wurde (vgl. Kessler & Kupferschmitt, 2012, S. 625-626). Ausschlaggebende Gründe sind hierfür ein Fernsehangebot, das sich mit einer kontinuierlich steigenden Anzahl von Programmen immer mehr ausdifferenziert und die Bedürfnisse verschiedenster Zielgruppen bedient, die wachsende Anzahl an Fernsehgeräten in deutschen Haushalten sowie die gleichzeitig sinkende durchschnittliche Haushaltsgröße (vgl. ebd., S. 623). Dessen ungeachtet büsst das Medium Fernsehen nicht seinen „Lagerfeuer“-Effekt (Kessler & Kupferschmitt, 2012, S. 623) ein, vielmehr erhält dieser eine neue Dimension durch die mediale Konvergenz mit dem Medium Internet, welche das Erlebnis Fernsehen „über die Grenzen von Familie, Freundeskreisen und geographischen Regionen“ (Buschow, Schneider, Cars-tensen, Heuer & Schoft, 2013, S. 2) trägt. Zu erwähnen seien an dieser Stelle begleitende Kommunikationskanäle der Sender in Form von Social Networking Sites und Senderplattformen, z. B. ProSieben Connect, Mobile Apps, welche den Rezipienten im Gamification-Ansatz zum „Check-In“ in TV-Shows animieren, um weltweit Punkte und Auszeichnungen zu sammeln sowie Zuschauer, die während des laufenden Programms Smartphone, Tablet oder Laptop als sogenanntes second screen-Geräte (ebd., S. 2) nutzen, um sich synchron über die Sendung auszutauschen (vgl. ebd.). Buschow et al. resümieren folgerichtig: „Fernseherleben und kommunikativer Austausch der Zuschauer über Online-Medien fusionieren so zu ‚Social TV‘ – Fernsehen wird damit sozialer“ (2012, S. 2 / Hervorhebung im Original).

Social Networks

Während 2012 in Deutschland insgesamt 43 Prozent der Bevölkerung private Netzwerke und Communities nutzten, ist die Zahl der User bei den 14- bis 19-Jährigen mehr als doppelt so hoch. Mit 88 Prozent Nutzern in dieser Alterskohorte genießen soziale Netzwerke einen hohen Stellenwert für Jugendliche und sind fest in ihrem Alltag etabliert. Sie widmen ihnen täglich 77 Minuten und liegen damit deutlich über dem deutschen Durchschnitt von 54 Minuten. Dabei verfolgen sie – analog zu allen anderen Nutzern privater Communities – drei essenzielle Nutzungsmotive: Selbstdarstellung, Vernetzung und Kontaktpflege sowie private und themenbezogene Informationssuche (vgl. Busemann & Gscheidle, 2012, S. 380-381). Der soziale Charakter wird auch durch die Ergebnisse einer Online-Befragung von 5.000 Norwegern bestätigt, welche u. a. den für sie wichtigsten Grund zur Nutzung sozialer Netzwerke nennen sollten. Für nahezu ein Drittel (31 Prozent) spielte das Kennenlernen neuer Leute eine übergeordnete Rolle, während 21 Prozent die Pflege bestehender sozialer Kontakte benannten. Weitere 14 Prozent der Befragten führten das damit verbundene Gemeinschaftsgefühl als wichtigste Motivation ihrer Aktivität in social networks an (vgl. Brandtzaeg & Heim, 2009, S. 148-149).

Laut JIM-Studie ist die kommunikative Komponente des Internets mit 45 Prozent das Hauptaugenmerk der Internetnutzer von 12 bis 19 Jahren. Sie kommt vor allem in Form von Social Communities zum Tragen, die von insgesamt 78 Prozent der Befragten genutzt werden. Daneben spielen für Jugendliche die Kommunikation via E-Mail (53 Prozent) und die Nutzung von Chatrooms (44 Prozent) eine wichtige Rolle. Instant-Messenger wie bspw. ICQ oder MSN haben mit 24 Prozent an Bedeutung verloren, während jeder Fünfte bereits online telefoniert. Weniger relevant sind in diesem Rahmen Multi-User-Spiele oder Twitter-Aktivitäten (vgl. MPFS, 2012, S. 33-34).

Des Weiteren steht die Unterhaltungsfunktion des Internets für 25 Prozent der Jugendlichen im Fokus ihrer Online-Aktivitäten. Es folgt der Gaming-Aspekt mit 16 Prozent und die Informationssuche mit 15 Prozent (vgl. ebd., S. 33).

Bei der Nutzung von Social Communities kommt – nicht nur bei Jugendlichen – besonders häufig Facebook zum Einsatz: 39,2 Millionen deutsche Unique User nutzten laut dem international tätigen Online-Marktforschungsdienst comScore im März diesen Jahres das populärste social network. Mit großem Abstand folgen Google Plus und Twitter mit jeweils 6,68 Millionen und 3,7 Millionen Unique Usern auf dem zweiten und dritten Rang der privaten Communities (vgl. Meedia, 26.04.2013). Facebook behauptet seine Position als internationales Netzwerk bzw. „Tor zur Welt“ (Busemann & Gscheidle, 2012, S. 380), welches nahezu alle Lebensbereiche, Personen- und Altersgruppen anspricht. Auch bei der mobilen Nutzung, die im Gegensatz zur Gesamtbevölkerung (23 Prozent) für 14- bis 19-Jährige (46 Prozent) eine doppelt so große Rolle spielt (vgl. van Eimeren & Frees, 2012, S. 368), dominiert es die als wichtig erachteten Internetanwendungen mit 42 Prozent. Es folgen E-Mail-Kommunikation (39 Prozent), Suchmaschinen (38 Prozent), Navigations- und Ortungsdienste/Routenplaner (23 Prozent) und Instant Messaging (16 Prozent) (vgl. Busemann & Gscheidle, 2012, S. 380-382).

Second screen

Im Jahr 2012 rückte erstmals der Multimedia-Trend second screen in den Fokus der ARD/ZDF-Onlinestudie. Gemeint ist damit die parallele Nutzung des Fernsehens und des Internets zur sozialen Interaktion auf einem zweiten Gerät. Von besonderem Interesse sind dabei Inhalte auf dem Laptop, Smartphone oder Tablet, die sich auf die Inhalte der aktuell rezipierten Sendung beziehen, z. B. der synchrone Austausch mit Freunden über das Fernsehprogramm über social networks oder Chats (vgl. Busemann & Gscheidle, S. 388-389). Second screen-Devices stehen besonders bei der jungen Generation hoch im Kurs. Während die deutschen Internetnutzer insgesamt zu 58 Prozent den Laptop und zu 22 Prozent das Smartphone nutzen, um „online zu gehen“, sind es bei den 14- bis 29-Jährigen bereits 68 Prozent, die dafür den Laptop und 42 Prozent, die dafür das Smartphone nutzen. Nur bei der Tablet-Nutzung liegen die Gesamtnutzer mit vier Prozent einen Prozentpunkt vor der jungen Generation. Sie sind mit sechs Prozent vor allem noch eine Domäne der kaufkräftigeren 30- bis 49-Jährigen (vgl. van Eimeren & Frees, 2012, S. 367). Jugendliche haben zuhause einen überdurchschnittlichen Zugriff auf Geräte zur Nutzung als second screen. So verfügen 100 Prozent der 12- bis 19-Jährigen über einen PC bzw. Laptop, 63 Prozent über ein Smartphone und 19 Prozent über ein Tablet (vgl. MPFS, 2012, S. 6).

Fazit

Insgesamt ist also festzuhalten, dass Jugendliche zur weitergehenden Erforschung von parallelen Kommunikationsaktivitäten zur Social-TV-Rezeption unter dem Einsatz von second screens nahezu prädestiniert erscheinen. Dafür sprechen einerseits die hundertprozentige Verbreitung des Internets unter ihnen sowie die feste und habitualisierte Etablierung des social webs in ihren Alltag. Andererseits ist das Fernsehen für sie nach wie vor ein relevantes und oft genutztes Leitmedium – auch wenn ihre Aneignungsstrategien bzgl. der rezipierten Inhalte nicht mehr primär vom konventionellen Fernseher geprägt werden, sondern sich der Entwicklung konvergenter Endgeräte und innovativer Anwendungen mit all ihren Vorteilen anpassen. Die professionelle Handhabung und Offenheit gegenüber diesen scheint Jugendlichen als sogenannten digital natives quasi „in die Wiege gelegt“.

Literatur

Brandtzaeg, P. & Heim, J. (2009). Why people use social networking sites. In A. A. Ozok & P. Zaphiris (Hrsg.), Online Communities and Social Computing. Third International Conference, OCSC 2009 (S. 143-152). Berlin: Springer Verlag.

Buschow, C. & Schneider, B. (November, 2012). Social TV: Die neue Lust am Fernsehen. Vortrag im Rahmen der Session „Fernsehen der Zukunft“ des 5. ConventionCamps Hannover, 27. November 2012, Hannover, Deutschland. Verfügbar unter: http://www.ijk.hmtm-hannover.de/fileadmin/, www.ijk/pdf/aktuelles/cch12buschowschneider-socialtvdie-neue-lust-am-fer… [Zugriff am: 26.08.2013].

Buschow, C., Schneider, B., Carstensen, L., Heuer, M. & Schoft, A. (2013). Social TV in Deutschland – Rettet soziale Interaktion das lineare Fernsehen? Akzeptierter Beitrag für MedienWirtschaft, 10(1), 24-32.

Busemann, K. & Gscheidle, C. (2012). Web 2.0: Habitualisierung der Social Communities. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012. Media Perspektiven, 16(7-8), 380-390.

Geerts, D., Cesar, P. & Bulterman, D. (2008, Oktober). The Implications of Program Genres for the Design of Social Television Systems. Vortrag im Rahmen der 1. International Conference on Designing Interactive User Experiences for TV and Video, 22.-24. Oktober 2008, Mountain View, Kalifornien, USA. Verfügbar unter: http://homepages.cwi.nl/~garcia/material/uxtv2008-socialtv.pdf [Zugriff am: 26.08.2013].

Faulstich, W. (2004). Medienwissenschaft. Stuttgart: UTB Verlag.

Kessler, B. & Kupferschmitt, T. (2012). Fernsehen in Gemeinschaft. Analyse zu Konstellationen der Fernsehnutzung. Media Perspektiven, 16(12), 623-634. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (MPFS) (2012). JIM-Studie 2012. Jugend, Information, (Multi)Media. Verfügbar unter: http://www.mpfs.de/ fileadmin/JIM-pdf12/JIM2012_Endversion.pdf [Zugriff am: 26.08.2013].

Meedia (2013, 26. April). Top 20: soziale Netzwerke in Deutschland. Verfügbar unter: http://meedia.de/internet/die-top-20-der-sozialennetzwerke-in-deutschlan… [Zugriff am: 26.08.2013].

van Eimeren, B. & Frees, B. (2012). 76 Prozent der Deutschen online – neue Nutzungssituationen durch mobile Endgeräte. Ergebnis der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012. Media Perspektiven 16(7-8), 362-379.

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Im Fokus: Social Bushfunk von Helmar Baum

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