Im Fokus

Bilder sind keine Plaudertaschen

Folgendes Beispiel hat jeder in der einen oder anderen Form schon einmal durchlebt: Ein Roman wird verfilmt. Bevor man sich den Film anschaut, liest man das Buch. Die einzelnen Szenen und Figuren stellt sich jeder in seiner eigenen Vorstellung ganz individuell vor. Vergleicht man die eigenen vorgestellten Figuren mit denen aus dem Film, so unterscheiden sich die Figuren und Szenen der eigenen Vorstellung deutlich von den Filmfiguren.

Ein weiteres Beispiel: Verträge werden mündlich vereinbart oder schriftlich formuliert. So kann eine möglichst hohe Eindeutigkeit und damit Verbindlichkeit erreicht werden. Ein Vertrag, der statt aus Wörtern aus einem Bild besteht, ist in unserem Kulturkreis nicht bekannt.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass der Sehsinn sich grundsätzlich vom Hörsinn unterscheidet: Bilder werden zunächst in ihrer Gesamtheit wahrgenommen. Dann wird das Gesehene mit den eigenen inneren Bildern verglichen. Aufgrund unserer bisherigen Seherfahrung können wir das Gesehene einordnen. Wenn wir uns so einen Überblick verschafft haben, können wir uns Details zuwenden. Wichtige Details in Bildern prägen sich stärker ein als Unwichtige.

Unser eigenes privates Universum

Erblicken wir etwas völlig Neues, so vergleicht unser Gehirn dies mit den bereits gespeicherten Bildern. Aufgrund unserer individuellen Erfahrung werten wir die Bilder aus. Nur die für uns selbst extrem bedeutungsvollen Bilder gelangen in unsere bewusste Wahrnehmung. Alle anderen Eindrücke werden geordnet und in unserem Gehirn abgespeichert. Dadurch sind wir in der Lage, innerhalb kürzester Zeit eine völlig neue und unbekannte Situation zu erfassen, zu beurteilen und entsprechende Handlungen einzuleiten. Wir entscheiden aufgrund unserer individuellen Vorerfahrungen, was für uns in diesem Augenblick wichtig ist, – aber davon merken wir nichts. Der ganze Prozess läuft weitgehend unbewusst ab.
Unsere Aufmerksamkeit wird durch unsere unbewusste Wahrnehmung gesteuert. Dieser Prozess läuft automatisch ab und kann nur durch das Schließen der Augen unterbrochen werden. So schalten wir auf die Wahrnehmung innerer Bilder um. Insbesondere wenn wir schlafen und träumen, können wir unsere individuellen Bilder zuweilen sehr intensiv wahrnehmen. Die Regeln, nach denen diese „Vorführungen“ ablaufen, sind unbekannt und bei jedem Menschen anders.

Würden wir ausschließlich unsere eigenen Bildwelten wahrnehmen, würden wir gewissermaßen in einer Art Traumwelt leben. Wir würden nur noch auf die Eindrücke zugreifen, die wir bereits gesehen haben.

Wie verhält es sich, wenn wir unsere inneren Bilder komplett löschen würden, alles was wir jemals wahrgenommen haben? Dadurch, dass die Vergleichsmöglichkeit fehlt, können wir beispielsweise keine Kaffeetasse von einem Baum unterscheiden. Das, was wahrgenommen wird ist mit einem abstrakten Gemälde vergleichbar. Eine solche Situation hat jeder von uns schon einmal durchlaufen. Direkt nach der Geburt sieht ein Baby zwar die Umwelt, kann aber noch nichts erkennen und zuordnen. Erst langsam lernt es durch immer wiederkehrende Symbole die Dinge zuzuordnen. Als Erstes werden Augenbrauen und Nase der Mutter erkannt. Die Wahrnehmung wird dadurch erweitert, dass Szenen, Bildelemente, Gegenstände unterschiedliche Bedeutungen erhalten. Nach drei bis vier Jahren hat ein Kind in der Regel soviel gesehen, dass es sich in seinem Umfeld zurechtfindet. Zu diesem Zeitpunkt ereignet sich Folgendes: Alles bis dahin Wahrgenommene wird zum Unterbewusstsein. Das Kind erkennt die Grenze zwischen der äußeren und der inneren Welt. Und – es nimmt sich selbst als eigenständiges Individuum wahr. Das neu entstandene Unterbewusstsein mit den gespeicherten inneren Bildern bewertet von nun an das, was wir sehen.

Dass die innere Bildwelt und die äußere Wahrnehmung sehr eng miteinander verbunden sind, beschreibt Rolf Singer wie folgt: „Das Gehirn entwirft Modelle der Welt, vergleicht dann die einlaufenden Signale mit diesen Modellen und sucht nach den wahrscheinlichsten Lösungen. Diese müssen nicht unbedingt mit der physikalischen Realität übereinstimmen – und tun dies in vielen Fällen auch nicht –, denn es kommt vorwiegend darauf an, die Variablen zu bewerten, die für das Verhalten relevant und für das Überleben dienlich sind. Es ist wichtig, dabei so schnell wie möglich zu sein. Wir leben also parallel in zwei Welten. In der einen, der subjektiv erfahrenen, nehmen wir unsere Wahrnehmungen für die Realität und merken nicht, dass wir konstruieren – vermuten unser Ich an einem singulären Ort und trauen ihm zu, frei schalten und walten zu können. Aus neurobiologischer Perspektive hingegen müssen wir erkennen, dass diese Annahmen und Vorstellungen in hohem Maße unplausibel sind.“[1]

Gefangen im eigenen Universum

Dies ruft die typischen alltäglichen Probleme im vermeintlich harmonischen Zusammenspiel des Seh- und des Hörsinnes hervor. Typisch ist folgende Situation: ein Auftraggeber, Kunde, Lehrer oder Kunstkritiker beschreibt ein Bild (bzw. eine Aufgabe). Vor seinem inneren Auge sieht er deutlich das dazugehörige Bild. Beim Zuhörer entsteht ebenfalls ein Bild vor dessen geistigem Auge. Dies sieht in der Regel aber vollständig anders aus, als das vom Auftraggeber, Lehrer… .Ein solches inneres Bild entsteht so, dass wir das Gehörte mit unseren eigenen Vorstellungen und Erfahrungen vergleichen. Unsere Vorstellungen und Erfahrungen wiederum sind innere Bilder, die wir in der Vergangenheit wahrgenommen und im Gehirn abgespeichert haben. Aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen sind diese inneren Bilder individuell und einmalig. Sie unterscheiden sich in der Regel deutlich von den inneren Bildern von anderen Personen. Innere Bilder, also Bilder, die nur für uns vor unserem geistigen Auge existieren, sind einmalig und individuell. Es existiert kaum ein technisches Hilfsmittel, um die eigenen inneren Bilder einer anderen Person zugänglich zu machen. Von den inneren Bildern zu erzählen hilft nicht weiter, da beim Zuhörer aufgrund der Erzählung und durch die eigenen Erfahrungen andere individuelle Bilder entstehen. Nur wenige Personengruppen, wie beispielsweise Bildende Künstler, Mediengestalter oder Designer, sind in der Lage, durch Skizzen, Zeichnungen oder selbst erstellten Bildern die eigene Imagination anderen Menschen nahezubringen

Gelenkte Bilder oder objektive Wahrnehmung

Es wäre fatal, wenn jeder Mensch ausschließlich in seiner eigenen, sich von anderen unterscheidenden inneren Bildwelt leben würde. Wir würden über keine Gemeinsamkeiten verfügen. Ein soziales Zusammenleben wäre unmöglich.

Gleiche oder ähnliche innere Bilder sind eine Grundlage für das Zusammenleben. Bestimmte Eindrücke werden von verschiedenen Menschen in der gleichen Art und Weise interpretiert. Ob diese Gruppe aus einigen wenigen Gleichgesinnten besteht oder bei fast allen Menschen auf dieser Welt gleich ist, hängt von der Bedeutung des Seheindruckes ab.

Verschiedene Personen können über ähnliche innere Bilder verfügen, da diese vorher in einer ähnlichen Weise gesehen, bewertet und abgespeichert werden. Dadurch entsteht ein Fundus von inneren Bildern. Wie viele und welche Bilder das sein können, hängt von vielen Faktoren ab: wie regionale Einflüsse, eigene Interesse, soziales Lebensumfeld, Alter usw.. Wenn beispielweise etwas Rotes aus einem Körper austritt, so wird das in der Regel als Blut identifiziert. Die Bedeutung: allerhöchste Gefahr – für alle Menschen. Wenn sich etwas Rotes auf dem Frühstücksteller befindet,so kann dies Marmelade sein. Für einige etwas Positives, für andere unangenehm.

Innere Bilder, die ähnlich interpretiert werden oder ähnlich erlebt werden, bilden die Voraussetzung für ein Wiedererkennen. Das ist die Voraussetzung für Vertrautheit und für Gewohnheiten. So entsteht eine Markenbindung. Marken, Logos, Symbole ermöglichen einen hohen Erinnerungswert an ein Produkt. Erscheinungsbilder sind für Markenprodukte von allergrößter Bedeutung. Denkt der Leser beispielsweise an eine große US-amerikanische Fastfoodkette, wird das Bild eines Hamburgerrestaurants vor dem geistigen Auge präsent. Je nach eigenem Lebensstil, Geschmack und persönlichen Vorlieben wird die eine oder eine andere Marke gesehen. Gleichzeitig erfolgt eine Bewertung, ob diese Art der Esskultur positiv angenommen wird oder abgelehnt wird.

Geschmäcker, Moden und Vorurteile verändern sich. Der Prozess der Veränderung ist langwierig, aber erfolgt kontinuierlich. Denn das, was wir in jedem Moment sehen, wird nach der Analyse und Bewertung den bereits vorhanden Seheindrücken hinzugefügt. Dadurch erfolgt eine laufende Aktualisierung. Je zahlreicher unsere gespeicherten Eindrücke sind, desto langsamer verändern neue Bildeindrücke die jeweilige Bewertung.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob wir über entsprechende Bilder beliebig manipulierbar sind. Die Antwort hängt von uns selbst ab. Je vielfältiger und aufgeschlossener wir neue Seheindrücke aufnehmen, desto vielschichtiger werden unsere Erfahrungen. Dadurch werden unsere Bewertungen differenzierter und damit objektiver. Wir laufen weniger Gefahr, uns einseitig manipulieren zu lassen. So gesehen ist Neugierde der beste Schutz vor Manipulation.

Nach dem Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft ist Fußball die dominierende Sportart. Um die notwendige Aufmerksamkeit für die Herren-Handball Europameisterschaft 2008 zu erzeugen, wird mit dieser Anzeige geworben. Leicht ironisch wird auf den Trainer angespielt.

Nach dem Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft ist Fußball die dominierende Sportart. Um die notwendige Aufmerksamkeit für die Herren-Handball Europameisterschaft 2008 zu erzeugen, wird mit dieser Anzeige geworben. Leicht ironisch wird auf den Trainer angespielt. (Quelle: TV14, Januar 2008)

1996 erschien diese Anzeige. Die Augenbrauen sind immer noch so gegenwärtig, dass diese auch von jungen Menschen mit dem ehemaligen Finanzminister Theo Waigel in Verbindung gebracht werden.

1996 erschien diese Anzeige. Die Augenbrauen sind immer noch so gegenwärtig, dass diese auch von jungen Menschen mit dem ehemaligen Finanzminister Theo Waigel in Verbindung gebracht werden.

Wir haben sehr genaue innere Bilder/Vorstellungen von Personen, die Hilfe leisten wollen, vor unserem geistigen Auge. Dieses Plakat stellt den Versuch dar, die üblichen Vorurteile über Erst- und Katastrophenhelfer zu verändern.

Wir haben sehr genaue innere Bilder/Vorstellungen von Personen, die Hilfe leisten wollen, vor unserem geistigen Auge. Dieses Plakat stellt den Versuch dar, die üblichen Vorurteile über Erst- und Katastrophenhelfer zu verändern.
(Quelle: Großflächenplakat München, Friedensstraße September 2008)

Immer vor Ort und hautnah am Geschehen zu sein verkörpert dieses Plakat.

Immer vor Ort und hautnah am Geschehen zu sein verkörpert dieses Plakat.
(Quelle: Großflächenplakat, München, Leuchtenbergring, Oktober 2008)

Immer vor Ort und hautnah am Geschehen zu sein verkörpert dieses Plakat.  Quelle: Großflächenplakat, München, Leuchtenbergring, Oktober 2008  Der Versuch,die Unwägbarkeiten des Hobbyknipsers zu problematisieren, ist der Aufhänger dieses Plakates.

Immer vor Ort und hautnah am Geschehen zu sein verkörpert dieses Plakat.
Quelle: Großflächenplakat, München, Leuchtenbergring, Oktober 2008
Der Versuch,die Unwägbarkeiten des Hobbyknipsers zu problematisieren, ist der Aufhänger dieses Plakates.
(Quelle: Coté d`Azur, Mai 2008)

Querverweis

[1] Prof. Dr. Wolf Singer Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Hubert Burda, Christa Maar (Hg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln: DuMont 2004, S.56-76), Quelle: www.iconic-turn.de