Im Fokus

Der Fotograf Andreas Grusky

Kein anderer Künstler revolutionierte die Fotokunst so sehr wie der Düsseldorder Becher Schüler Andreas Gursky. Er lehrt uns durch seine Bilder eine völlig neue Art des Sehens.

Realität und Fiktion verschwimmen. – Müssen wir sie trennen um zu begreifen?

Gurskys Bilder verlangen absolute Aufmerksamkeit, ein flüchtiger Blick reicht da lange nicht aus. Er bezeichnet sich nicht als Dokumentarfotograf, mehr als Komponist. Vieles, was uns das Motiv zeigt ist real, Gursky komponiert paralell Realitäten ineinander und kreiert so eine neue Form des Wahrnehmens.

Andreas Gursky wurde am 15. Januar 1955 in Leipzig als Sohn eines Werbefotografen geboren. Noch im gleichen Jahr, floh die Familie aus der damaligen DDR nach Düsseldorf, wo Gursky immer noch lebt. Er studierte in Essen Visuelle Kommunikation bei Otto Steinert und Michael Schmidt. Danach schrieb er sich in der Düsseldorfer Kunstakademie ein, wo er ab 1985 Meisterschüler von Bernd Becher war. 1987 schloss Gursky das Studium mit dem Meisterbrief ab.

Weitere Becher Schüler waren: Laurenz Berges, Elger Esser, Candida Höfer, Axel Hütte, Simone Nieweg, Jörg Sasse, Thomas Ruff, Thomas Struth und Petra Wunderlich.

In einem Bericht der Rheinische Post, verfasst von Annette Bosetti, berichtet Gursky: Mit einem Urlaubsbild fing alles an. Das war 1984 in der Schweiz. Er fotografierte einen schroffen Berg. Den Bildbetrachter hält er auf Distanz und macht ihn gleichzeitig neugierig auf die winzig kleinen Details. Mikro- und Makro-Optik durchdringen einander auf seinen Bildern. Das ist eines seiner Markenzeichen. Es geht nicht um Individuen, sondern um die Eingebundenheit des Menschen in den Raum, um die Bildung von Massen, Formationen. So Bosetti in ihrem Bericht über den mittlerweile teuersten gehandelten Fotografen der Welt.

Bericht der Rheinischen Post, 22, September 2012

Gursky manipuliert durch seine Bildbearbeitung die Wirklichkeit. Was im ersten Moment real zu sein scheint, ist auf den genaueren Blick hin ein Phantasiegebilde des Künstlers, dessen Sichtweise wir schonungslos ausgeliefert sind. Begonnen hat diese künstlerische Manipulation 1993 mit dem Foto „Montparnasse“.

Erinnert uns das Motiv nicht an Gerhard Richters 1024 Farben von 1973? (siehe unten)

Abb. I: Paris, Montparnasse, 1993 C-Print, 187 x 427,8 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 34

Abb. I: Paris, Montparnasse, 1993 C-Print, 187 x 427,8 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 34

Da dieses Gebäude zu breit für ein einziges Foto war, fotografierte Gursky zweimal und fügte sie danach digital wieder zu einem Foto zusammen. Sehr interessant ist, dass der Künstler auch hier wieder mit dem Sehverhalten des Betrachters spielt. Begnügen wir uns mit dem ersten Eindruck, ist es schlicht eine Häuserfassade. Widmen wir uns allerdings dem Bild etwas intensiver und näher, können wir die unterschiedlichen Wohnungen und Einrichtungen erkennen. Wir erhalten einen fast intimen Einblick in die Fenster. Schaut man besonders gut hin, erkennt man in einem der vielen Fenter einen roten Teufel.

Ein ähnliches Phänomen entdecken wir auf dem Foto „Boxenstopp III“. (siehe unten)

Auf den ersten Blick öffnet sich uns die Szene wie eine Bühne, dramatische Beleuchtung, überzogene Farben. Bei genauerer Betrachtung erkennen wir im hinteren Zentrum des Fotos einen als Frau verkleideten Mann. Für Gursky spielt es keine Rolle, ob er nun diese Szene dokumentarisch sieht, oder sie in einem Fotostudio inszeniert. Ihm kommt es auf die Wirkung des fertigen Motives an. Seine fast durchweg großformatigen Fotografien erinnern uns an monumentalen Schlachtengemälde.

Interessant zu beobachten ist, dass Gursky sich scheinbar auch von weiteren Künstlern hat inspirieren lassen. Im Ausstellungskatalog Bankok findet Erwähnung, dass Gurskys Werk an die abstrakten Großformate der späteren 1980er- und 1990er- Jahre erinnert. Etwa von Ross Bleckner und Mark Tansey (siehe unten) Hingegen kommt mir, obwohl ganz anders, vor allem vor der „Kathedrale I“ von 2007, Mark Tansey in den Sinn mit seinen farblich zur Monochromie, in der Zeichnung aber zum Fotorealismus tendierenden inszenierten Gemälden. In ihrer Ambivalenz von vorgeblichem Illusionismus und reiner Künstlichkeit – im Schaffen beider fällt es leicht, die reine Künstlichkeit hinter der angeblich so gesehenden oder gefundenen Szene aufzudecken – könnte ein Vergleich ausgewählter Werke von Gursky mit solchen von Tansey reizvoll sein. Andreas Gursky, Ausst.-Kat. Museum Kunstpalast, Düsseldorf

Abb. V: Kathedrale I, 2007, C-Print, 236 x 332 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 37

Abb. V: Kathedrale I, 2007, C-Print, 236 x 332 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 37

„Ich hab ne verdammte Woche dieses Foto im Kopf“ – Andreas Gursky

Abb. VII: Rhein II 1999, C-Print, 206 x 356 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 33

Abb. VII: Rhein II 1999, C-Print, 206 x 356 x 6,2 cm. Katalog Bankok, Seite 33

Die Aufnahme entstand als zweite und größte einer Serie von sechs Bildern des Rheins. Unter bedecktem Himmel fließt der Rhein horizontal zwischen grasbewachsenen Deichen. Unter dem vorderen Deich ist ein asphaltierter Fahrrad- und Fußweg zu sehen. Das ursprünglich mit abgelichtete Kraftwerk Lausward und weitere Hafenanlagen im Hintergrund sowie eine Person im Vordergrund, die ihren Hund ausführt, wurden von Gursky digital entfernt. Aufgenommen wurde das Bild vom Deich an der Rheinallee in Düsseldorf-Oberkassel zwischen der Walkürenstraße und der Hectorstraße. Er ließ das Bild im C-Print-Verfahren in einer Größe von 185,4 × 363,5 cm ausbelichten und mit der Bildseite auf Acrylglas montieren. http://de.wikipedia.org/ wiki/Rhein_II, 03.04.2013

Dieses Foto erzielte bei einer New Yorker Auktion den Preis von 3,1 Millionen Euro und ist somit, das momentan teuerste Foto der Welt.