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Die beeindruckenden Kreationen von Jean-Paul Gaultier aus nächster Nähe

Im Januar waren Modemanager auf der Ausstellung von Jean-Paul Gaultier und haben sich die Meisterwerke ganz genau angeschaut. Dabei war die aufwendige Handarbeit, die vielfältigen Inspirationen und lebensechten Mannequins besonders herausstechend.

Nach einer langen Reise um die Welt und Stationen wie Montreal, San Francisco, New York, London und Paris landete die Wanderschau „Jean Paul Gaultier / From the Sidewalk to the Catwalk“, die dem Lebenswerk von Jean-Paul Gualtier gewidmet war, endlich in München. Somit hatten die Studenten der MD.H auch eine Chance die Kunstwerke Gaultiers an der Endstation, der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, ganz nah zu sehen. Es handelte sich hauptsächlich um Couture-Stücke.

Die Modemanager wurden von der Kunstvermittlerin Stephanie Kahnau durch die extensive Ausstellung geführt. Die Diplom Textildesignerin konnte zu jeder Kollektion und einzelnen Kleidungsstücken aus der Haute-Couture, Prêt-à-Porter ebenso wie den Theater-, Tanz- und Filmkostümen besondere Hintergrundinformationen zur Inspiration und Verarbeitungstechnik, sowie dem Material geben.

Lange vor der Haute Couture und ganz bescheiden, fing die Karriere von JPG aber in seiner frühen Kindheit an: Für den nunmehr berühmten Teddybär namens Nana, schneiderte Gaultier schon damals seine ersten Kleidungsstücke. Dieser Teddy wurde in der Kunsthalle in einem speziellen Glaskasten ausgestellt, denn es handelte sich um das Original, welches dem Modeschöpfer immer noch sehr am Herzen liegt. Vom Teddy aus ging der chronologische Sprung direkt in das erwachsene Leben Gaultiers, in dem ein unglaubliches Gewand nach dem anderen geschaffen wurde.

Gaultiers Couture Kreationen haben viele Stunden an feinster Handarbeit vorzuweisen und sind oftmals mit aufgereihten Perlen oder Pailletten versehen, bestehen aus Geflechten, Bändern und Klöppelarbeit. Die Vielfalt an Materialien wie Tüll, Seide, Leder, Metall, Muscheln, Wolle, Pelz, Federn, Denim, Plastik, Kunststoffröhren aber auch Kristallen von Swarovski und vielen anderen war nicht nur erstaunlich, sondern auch ein guter Rückblick auf das Fach Materialkunde an der MD.H.
Beispielsweise sah man auf den ersten Blick ein Kleid aus einem Leopardenfell, welches sich aber bei näherer Betrachtung als tierfreundliches Imitat entpuppte. Das gesamte Fell – inklusive der Leopardentatzen – war aus winzigen Glasperlen per Hand genäht worden. Man durfte so nah herantreten, wie man wollte, also wirklich das Kleidungsstück direkt mit der Nase berühren und inspizieren.

Doch nicht nur die diversen Materialien waren für JPG eine Inspirationsquelle, ebenso hatten den Designer Kulturen und Religionen dieser Welt geprägt. Die Exponate hatten Elemente vorzuweisen, die man Asien, Russland und Afrika sowie den Eskimos zuordnen konnte, aber auch Transvestiten, christliche religiöse Ikonen und jüdische Rabbiner, Mythologische Kreaturen wie die Meerjungfrau, Berufsbilder wie der Toreador und das Militär, bis hin zu modernen Musen wie Madonna oder Conchita Wurst waren alle vertreten. Hier spürte man tatsächlich JPGs Inspirationen vom Gehsteig der Welt, sprich dem „Sidewalk“ und den Transfer zum „Catwalk“.

Ihren Wissensstand konnten die Modemanager auch in einer weiteren Ausstellungshalle an der sogenannten „FROW“ testen, der First Row mit prominenten Persönlichkeiten, die vor einem aufwendig erbautem Catwalk saßen. Diese erste Reihe war mit Anna Wintour, Grace Coddington, Franca Sozanni, Suzy Menkes, Emanuelle Alt, Carine Roitfeld, Christiane Arp und Babeth Djian aus der Modewelt besetzt. Aus der Promiwelt waren Kim Kardashian, Nana Mouskouri und Catherine Deneuve mit dabei. Die Damen hatten keine Gesichter, doch man erkannte sie an den lebensgetreuen Puppen, der Frisur, Kleidung und den Accessoires (einzige Ausnahme war eine entfremdet schlanke Kim Kardashian.)

Das Konzept der gesichtslosen Mannequins zog sich durch die gesamte Ausstellung und bot ein teils amüsantes, teils mystifizierendes Erlebnis: Auf die gesichtslosen Puppen wurden in unterschiedlichen Zeitabständen animierte männliche oder weibliche Gesichter projiziert, die die Puppe zum Leben erweckten. Sie blinzelten, lachten, sprachen oder sangen mit lebensechter Ähnlichkeit.

Bild 17: Animierte Mannequins

Bild 17: Animierte Mannequins

Die fantastische Ausstellung mit den insgesamt 140 inspirierenden Exponaten und die kompetente Führung von Frau Kahnau, hinterließen einen starken Eindruck von Jean-Paul Gaultier, seinen Inspirationen, Expressionen und Meisterwerken und verdeutlichten, warum es sinnvoll ist, das Lebenswerk eines berühmten Designers schon zu seinen Lebzeiten so ausgiebig zu dokumentieren.

Wer die Ausstellung versäumt hat, aber trotzdem etwas mehr zu JPG sehen möchte, kann sich den französischen Film „Jean-Paul Gaultier Travaille“ vom King der Modedokus Loic Prigent auf DVD ansehen oder das Buch zur Ausstellung besorgen.