Im Fokus

Die Definition von „Paparazzi-Journalismus“

Den Begriff „Paparazzi-Journalismus“ kennt vermeintlich jeder – er meint die Fotografen, die weibliche Stars „oben ohne“, männliche Stars „unten ohne“ oder andere Personen des öffentlichen Lebens in sonst eindeutig kompromittierenden Situationen abbilden.

Trotz dieses allgemeinen Wissens existiert tatsächlich keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Paparazzi-Journalismus“. Ziel dieses Beitrages ist es deshalb, das Defizit zu beheben und eine Definition von Paparazzi-Journalismus zu formulieren.

Professor Dr. Ulf Boes, Fachbereich Medien- und Kommunikationsmanagement, MD.H Düsseldorf

Professor Dr. Ulf Boes, Fachbereich Medien- und Kommunikationsmanagement, MD.H Düsseldorf

Die Definition dessen, was oder wer „Star“ oder „Person des öffentlichen Lebens“ ist, wird an dieser Stelle dabei nicht geleistet, weil das Ziel dieses Beitrages ein anderes ist. Um dem Begriffsdilemma aber zu entgehen, wird im folgenden der Begriff „Prominenter“ verwendet; er gilt in diesem Verständnis:

  • Der Begriff „Prominenter“ bezeichnet Personen, die eine über die Privatsphäre hinausgehende Bekanntheit haben, die regelmäßig Gegenstand medialer Berichterstattung ist.

Dass die Fotografen, die Prominente „oben und unten ohne“ abbilden, Journalisten sind, belegt die Zusammenführung ihrer Tätigkeit mit einer akzeptierten Definition:

Ohne Zweifel sind die Fotografen in ihrer beschriebenen Tätigkeit „hauptberuflich an der medialen Verbreitung von Unterhaltung durch Bilder beteiligt“ und stellen somit Paparazzi-Journalismus dar.

Die Bedeutung, die Paparazzi-Journalismus hat, ist elementar: Für journalistische Medien ist er der Spezial-Lieferant für Bilder, die dem Leser, Hörer, Zuschauer oder User den privaten, indiskreten oder auch voyeuristischen Blick „hinter die öffentliche Kulisse“ eines Prominenten bieten.

Dass der „Rezipient an sich“ ja doch eigentlich eher kaum an solchen Motiven interessiert ist, wird an dieser Stelle nicht thematisiert. Wichtig ist, dass – auch wenn diese direkte Interdependenz methodisch nur schwierig zu belegen ist – man davon ausgehen kann, dass gerade solche Fotos Auflagen- oder Zugriffszahlen erhöhen, dass Paparazzi-Journalismus also ein elementarer ökonomischer Faktor mindestens für die journalistischen Boulevard-Medien ist.

Trotz dieser elementaren journalistisch-ökonomischen Bedeutung von Paparazzi-Journalismus besteht also, dokumentiert über die fehlende Definition, nicht einmal eine exakte Übereinstimmung darüber, was Paparazzi-Journalismus eigentlich ist. Das hängt ohne Zweifel damit zusammen, dass die Journalistik sich bisher kaum mit dem Thema „Paparazzi-Journalismus“ beschäftigt hat, als Folge ist auch die wissenschaftlich etablierte Literatur zum Thema sehr rar.

Um eine exakte Übereinstimmung zu und damit die Definition von „Paparazzi-Journalismus“ zu formulieren, setzt die Argumentation sinnvollerweise bei der ökonomischen Bedeutung an: Ganz vorrangig dieser folgend dringt der Paparazzi-Journalismus gezielt in die Privatsphäre von Prominenten ein und ist damit mindestens immer eine persönliche Belästigung.

Tatsächlich ist er aber auch eine echte Gefahr für die Prominenten: Denn diese kommunizieren ein öffentliches Bild von sich, das im besten Falle eine Positionierung als Marke mit eindeutigen Attributen erreicht. Und auf die Wahrnehmung und vor allem die Akzeptanz dieser Attribute durch den Rezipienten kann der Paparazzi-Journalismus direkten Einfluss nehmen.

Denn der Rezipient wird den Fotos über die „private Seite“ eines Prominenten für seine Akzeptanz des Prominenten entscheidende Bedeutung zumessen: Die Fotos zeigen den Prominenten in seiner Privatsphäre, in der dieser sich vollkommen authentisch verhalten wird, die Fotos erlauben deshalb auch ein „wirkliches Urteil“ über den Prominenten. Dazu ist das Medium „Foto“ vermeintlich ein „objektiver Beweis“ – durch das Betrachten der Fotos ist der Rezipient für seine Einschätzung selbst beim Prominenten in dessen Privatsphäre gewesen.

Zeigen Paparazzi-Fotos Prominente also in Situationen, die dem kommunizierten öffentlichen Bild widersprechen, dann beschädigt der Paparazzi-Journalismus dieses Bild. Im schlimmsten Fall zerstört er es sogar – diese Zerstörung betrifft dann möglicherweise nicht nur das öffentliche Bild, sondern auch die „Geschäfts“- und damit die Lebengrundlage des jeweiligen Prominenten.

Dass Prominente in der Regel deshalb erbitterte Gegner von Paparazzi-Journalismus sind, muss nicht weiter begründet werden. Damit sind die zentralen Charakteristika, die den Paparazzi-Journalismus ausmachen, klar: Paparazzi-Journalismus erfüllt seinen Auftrag umso spezifischer,

  • je alltäglicher bzw. intimer die Situation ist, in der der Prominente abgebildet wird,
  • je weniger der Prominente in dieser Situation seinem öffentlichen Bild entspricht,
  • je weniger der Prominente in dieser Situation abgebildet werden will.

Und aus diesen Charakteristika kann nun die Definition von Paparazzi-Journalismus abgeleitet werden:

„Paparazzi-Journalismus bezeichnet die Foto- oder Filmberichterstattung über Personen, die eine über die Privatsphäre hinausgehende Bekanntheit haben und die regelmäßig Gegenstand medialer Berichterstattung sind, in deren Privatsphäre bzw. in nicht-öffentlichen Situationen ohne das Wissen und/oder ohne die Zustimmung dieser Personen.“

Diese Definition erlaubt es auch, Paparazzi-Journalismus eindeutig zu identifizieren. Dabei wird schnell klar, dass ein Großteil der als Paparazzi-Journalismus bezeichneten Berichterstattung tatsächlich kein echter Paparazzi-Journalismus ist.

Denn wenn Prominente exklusive Motive aus ihrer Privatsphäre anbieten und Journalisten dieses Angebot als „Arbeitserleichterung“ sowie als Option auf Exklusivität und auch Kostenersparnis annehmen, dann sind diese Fotos eben kein wirklicher Paparazzi-Journalismus, sondern das Ergebnis erfolgreicher Medien-Arbeit – also ein Ergebnis von Public Relations.

Erst die begründete „erbitterte Gegnerschaft“ von Prominenten und Fotografen mit allen daraus resultierenden Verhaltensweisen kennzeichnen echten Paparazzi-Journalismus.

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ImFokus-Ulf-Boes-2014-08-01