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HTML5 – die kommende Grundlage für Web-Seiten

Seit Ende vorigen Jahres steht fest: HTML5 soll der künftige Standard der HyperText Markup Language werden (Auszeichnungs-Sprache für HyperText [-Dokumente]). Aus HyperText-Dokumenten ausschließlich besteht das World Wide Web (WWW), eine der wichtigsten Nutzanwendungen des Internets.

Was bisher geschah- und noch geschieht

Dass ein Standard nötig sei, darüber sind sich Anwender, Anbieter und Entwickler des WWWs schon seit Jahren einig. Nur mit dem Einigen auf eben einen solchen Standard hat es gehapert und hapert es immer noch. Nicht einmal ein genaues Datum für das Verabschieden des Regelwerks steht fest. Ein paar Eckpunkte des künftigen Standards gelten aber als gesichert. Ein paar der künftigen Eigenschaften und Einzelheiten sind bekannt, und niemand rechnet damit, dass sich an ihnen noch etwas ändert.

Manch Einer fordert deshalb, alles schon Bekannte sofort bei aktuellen Webauftritten auszuprobieren und anzuwenden. Dies wird dadurch begünstigt, dass einige Browser-Hersteller die Umsetzung einzelner der künftigen Möglichkeiten in ihren Produkten erlauben. Einzelner, aber eben nicht aller! Und auch nicht alle Browser-Hersteller beteiligen sich an diesem Profilierungs-Gerangel. Der Erzeuger des weltweit am zweithäufigsten verwendeten Browsers hat einen angebotenen Sitz im Entwicklergremium von HTML5 sogar abgelehnt.

Was an Neuem angeboten wird – soweit bekannt

  • Es wird ein <canvas>-Element geben. Es soll das Zeichnen in den Darstellungsbereich des Browsers erlauben.
  • Es wird ein <video>- und ein <audio>-Element geboten werden. Sie sollen das Abspielen der entsprechenden Multimedia-Daten im Browser deutlich erleichtern und vereinheitlichen.
  • Damit verbunden, soll die Notwendigkeit verringert werden, den Browser mit (meist proprietären und jedenfalls nicht vom Browserhersteller selbst angebotenen) Zusatzmodulen (sog. Plugins) aufzurüsten.
  • Es soll auch die Notwendigkeit, den HTML-Code durch Browserprogrammierung zu ergänzen, weiter auf besondere Anwendungsfälle zurückgeführt werden.
  • Es sollen auch neue Elemente zur Wiedergabe der Textstruktur (Gliederung, Zweckbestimmung eines Textabschnitts) eingeführt werden. Nämlich solche Elemente, die in der bisherigen Codierungspraxis, weil es sie eben nicht gab, mehr oder weniger umständlich vom einzelnen Coder ‚hinzu definiert‘ werden mussten.

Beispiele für Neuheiten im Einzelnen

  • <header>, <footer>, <section>
    Um Abschnitte im Text zu kennzeichnen. Etwa section für ein Kapitel eines Texts, header für einen einleitenden und footer für einen abschließenden Abschnitt. Letzterer könnte zum Beispiel den Namen des Autors eines Texts und den Copyright-Vermerk enthalten
  • <nav>
    Zum Auszeichnen eines Menüs zur Navigation durch die Angebote eines Web-Auftritts
  • <article>
    Um einen aus einer fremden Quelle übernommenen Textabschnitt oder Artikel zu markieren.
  • <mark>
    Um eine hervorzuhebende Textstelle auszuzeichnen.
  • <wbr>
    Zum Festlegen von Trennregeln für Wörter bei Zeilenumbruch. Gerade diese letzte Möglichkeit war bislang in brauchbarer Form überhaupt nicht gegeben.
  • <audio>, <video> und <source>
    Um, wie erwähnt, Ton- und Film-Aufzeichnungen abspielbar im Zusammenhang eines Web-Auftritts einheitlich einzubinden. Wobei das <source>-Element zur Angabe der Quelldatei des jeweiligen Mediums dienen soll.
  • <embed>
    Damit auch solche Plugins, die nicht überflüssig wurden, eingebettet werden können.
  • <canvas>
    Um, wie erwähnt und mit allerdings nötiger Unterstützung durch JavaScript, das Anfertigen von Zeichnungen (einfachen Grafiken) im Browser zu ermöglichen.

Neue Möglichkeiten für Online-Formulare

Sehr viele Neuerungen wird es in Verbindung mit Formularen geben. Zum Beispiel einige Eingabemöglichkeiten:

  • <number>
    Für Zahleneingabe! Die bisherigen Eingabefelder machten da keinen Unterschied und behandelten eingegebene Ziffern, streng genommen, als Text.
  • <tel>, <email>, <url>
    Zur Eingabe von Telefon-Nummern, E-Mail-Adressen und Web-Adressen. Solche Eingaben mussten bislang eben aus ‚gewöhnlichen‘ Texten herausgefiltert werden.
  • <date>, <time>, <week>, <month> und weitere
    Zum Erfassen von Datums- und Zeit-Angaben in allen gebräuchlichen Formen.
  • <search>
    Zum gesonderten Erfassen von Suchbegriffen.

Welcher Nutzen für welche Zielgruppe?

Bei all den schönen Neuerungen ist natürlich die Frage: Wem nützen sie? Viele der zusätzlichen Eigenschaften werden zweifellos den Surfern im WWW zugutekommen. Auch wenn sie das vielleicht gar nicht bemerken! Vereinheitlichung und Vereinfachung (stellenweise) des Quellcodes reduzieren beispielsweise unter Umständen die Ladezeiten der Webseiten.
Eher bemerken dürften Viele, dass sie mehr Videos und Tondateien geboten bekommen werden und dass zum Abspielen keine Plugins mehr von irgendwoher geladen und zum Teil installiert werden müssen.

Für die Coder dagegen sieht das Ganze eher nach einem Nullsummenspiel aus. Denn für dringend geforderte Erleichterungen, die sie werden genießen dürfen, entstehen neue Umständlichkeiten und leider auch Widersprüche in den Codestrukturen. Deren Anzahl ist derzeit noch so groß, dass ihre Behandlung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Die geneigten LeserInnen mögen doch bei Gelegenheit einmal „Kritik an HTML5“ als Suchbegriff bei einem Suchdienst Ihrer Wahl eingeben.

Und da wir schon bei Suchdiensten sind:

Den Nutzen für die Anbieter eben solcher Dienste sollten wir nicht zu gering einschätzen. Ebenso wenig den für Browserhersteller. Und erst recht den für Anbieter von beidem: Suchdienst und Browser! Von einer Differenzierung der Struktur-Elemente im Quellcode zum Beispiel profitiert am meisten der – oder das -, der oder das den Quellcode nach zu indizierenden Inhalten durchforstet.

Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass der derzeit maßgebliche Mensch für die Weiterentwicklung von HTML auf der Gehaltsliste eines führenden Anbieters von Dienstleistungen im WorldWideWeb steht. Eine Tatsache, die Manche als unappetitlich empfinden, weil sie nahelegt, dass diese Person die Entwicklung im Sinn ihres Arbeitgebers beeinflussen könnte.

HTML5 – Können wir es bereits teilweise nutzen und sollten wir das tun?

HTML5 wird – in unterschiedlichen Teilen und Anteilen – von vielen aktuellen Browsern verstanden und umgesetzt. Keine einzige heute (08.12.2010) existierende Version des Internet Explorers gehört zu diesen Browsern. Man kann freilich manche Funktionen von HTML5 durch spezielle Einschübe in den Quelltext (sogenannte ‚conditional comments’, ‚hacks’ und andere workarounds’) für den Internet Explorer tauglich machen. Es gibt allerdings gute Gründe, die allgemein gegen den Einsatz von solchen ‚workarounds’ sprechen. Folglich gibt es gute Gründe, die gegen den Einsatz von HTML5 zum gegenwärtigen Zeitpunkt sprechen.

Warten wir lieber noch ein bisschen! Es dürfte sich lohnen.