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Die Welt ist ein Dorf – Megatrend Digitalisierung

Der Satz ist so einfach dahingesagt, „Alles wird digital“. Doch nur selten wird seine Bedeutung umfassend realisiert und noch seltener in die Szenariensets der Unternehmen integriert. Dieser Artikel ist ein Corssover über verschiedene Entwicklungen innerhalb des Megatrends der Digitalisierung.

Das Bild zeigt eine IBM SAGE aus dem Jahre 1954.

Das Bild zeigt eine IBM SAGE aus dem Jahre 1954. [1]

Falscher Freund „papierloses Büro“

Oft beginnt der Diskurs beim papierlosen Büro – einer Vision, die seit 30 Jahren eher stetig in weitere Ferne zu rücken scheint. Zwar haben zahlreiche kleine Unternehmen, hier große Fortschritte erzielen können – so ist der gefühlte Papierkrieg bei den großen um so schlimmer geworden.

Grundsätzlich ist wohl auch nichts Falsches daran, ein papierloses Büro anzustreben. Doch hier soll es um eine tiefere Analyse gehen: dem neuen Genotyp der techno-sozialen Gesellschaft, auf der Spur, der dann als einen seiner Phänotype, auch neue Arbeitsumgebungen hervorbringen  wird oder bereits hervorbringt.

Sensoren

Einer der eher unsichtbaren Trends der letzten Jahre ist die exorbitante Zunahme an Sensoren. Alles wird ge- und vermessen. Angefangen von Geschwindigkeitskontrollen für Autos und Realzeit-Verkehrsberichte, über Überwachungskameras und Motion-Tracking im öffentlichen Raum, bis hin zu medizinischen Applikationen, die aus fast jedem beliebigen SmartPhone einen StarTrek-tauglichen Tricorder machen.

Die App "Cardio" verwandelt ein iPhone über seine Kamera in einen Herzmonitor

Die App „Cardio“ verwandelt ein iPhone über seine Kamera in einen Herzmonitor

Das Auto weiß, wer wo sitzt und ob alle Passagiere ordnungsgemäß angeschnallt sind. Der Laptop bemerkt einen Sturz und schützt die Festplatte durch Zurücksetzen des Schreib-Lesekopfes noch vor dem Aufprall. Der Herd erkennt die Garstufe und schaltet sich automatisch ab. Die Waage  im Supermarkt sieht, was der pflichtbewusste Kunde auf ihr platziert und schlägt (meistens) das  richtige Produkt vor. Das geöffnete Dachfenster schließt sich alleine bei Regen. Und dies sind nur  ein paar wenige Beispiele.

Sensoren umgeben uns überall und ihre Zahl scheint exponentiell zu steigen.  Eine der großen Designaufgaben der nächsten Jahre wird es sein, hier kommunikative Lösungen vorzuschlagen, die einer aufgeklärten Öffentlichkeit den souveränen Umgang mit dem sensiblen Ökosystem der eifrigen Datengeneratoren ermöglicht.

Bots

Sensoren alleine sind jedoch nur die halbe Miete. Wie schon die Beispiele oben zeigen, gilt es jemanden zu haben, der die Sensoren ausliest und diese interpretiert. Im Zeitalter der  Digitalisierung ist dies eine Software. Ein Bot, ein digitaler Agent. Die oft nur minimale Intelligenz sorgt mit verblüffender Leichtigkeit für das Ergebnis: Perfekt zubereitetes Essen, automatischer Alarm bei Herzrhythmusstörungen oder ein komplett autonomes Bremsmanöver im PKW.

Der Bestseller-Autor und IT-Berater Daniel Suarez hat die resultierenden Szenarien aus der Omnipräsenz von Sensoren und Bots nicht nur in seinen Romanen verarbeitet, sondern schon  vor Jahren in einem sehenswerten Vortrag zusammen gefasst.

Intelligenz

An dieser Stelle der Geschichte kommt oft der Einwand, dass die Logik von Bots noch keine „richtige“ Intelligenz darstellen würde und dass sie nur für einfache Aufgaben, wie das Schließen von Fenstern oder das automatische Aktivieren des PKW-Abblendlichtes bei Dunkelheit geeignet wäre.

Wer solches dachte wurde spätestens im Winter 2010/2011 von IBM eines Besseren belehrt.

IBM stellte Watson vor. Den Prototypen eines echten Wissenssystems. Watson versteht normale Sprache, kann Fragen interpretieren, aus Datenbanken die Fakten zusammensuchen und die Antwort wieder als natürliche Sprache ausgeben. IBM demonstrierte dies der Weltöffentlichkeit, in dem Watson im TV gegen die Jeopardy Champions antreten musste.

Watson hat Jeopardy gewonnen und heute, gut 18 Monate später, ist er prototypisch in Krankenhäusern im Einsatz, um Ärzte bei Diagnosen zu unterstützen und geht seine ersten Schritte als Berater in der Finanz-Industrie. ScienceFiction, die wahr wurde.

Zur besseren Einordnung sei hier darauf verwiesen, dass der Begriff „Künstliche Intelligenz“ für Systeme wie Watson durchaus verwendet werden darf, sich aber von dem Begriff der „Allgemeinen Künstlichen Intelligenz“ abgrenzt, mit der ein allgemeines, dem Menschen ähnliches Weltverständnis beschrieben wird.

3D-Drucker

Doch die Digitalisierung macht von der physischen Welt keinen Halt. 3D-Drucker haben eine erstaunliche Qualität erreicht und es wird in den nächsten Jahren eine erhebliche weitere Entwicklung erwartet.

Es kommt spontan ein Gast mehr zur Party als Teller vorhanden sind? Warum drucken wir nicht schnell einen Teller aus und versehen ihn mit einem individuellen Muster? Der Staubsauger ist eigentlich noch gut, aber ein Ersatzteil ist nicht mehr lieferbar? Warum drucken wir dieses Teil nicht einfach aus?

Der TED-Talk von Lisa Harounin gibt einen spannenden Einblick in den aktuellen Stand der Dinge:

Kommunikation

Parallel zu den oben vorgestellten, exemplarisch ausgewählten Technologien wird unsere ganz alltägliche Kommunikation ebenfalls immer digitaler. Wir schreiben uns SMS, MMS,  E-Mails oder Nachrichten in Sozialen Netzwerken. Skypen oder nutzen ICQ. Wir senden Tweets und checken uns auf Foursquare ein um nachfolgenden Besuchern eines Ortes Tipps zu hinterlassen. Von unseren Kreditkartenabrechnungen mal ganz zu schweigen.

Google optimiert uns unser individuelles Suchergebnis auf Basis genau dieser Daten: Wo ist der Suchende gerade, hat einer seiner Freunde eine Seite zum gesuchten Thema in der letzten Zeit auf Twitter empfohlen? All dies entscheidet über das Ranking der Einträge im Suchergebnis.

Und an der Digitalisierung des Geldes, arbeitet man auch nicht nur bei Google:

Fazit

Was könnte uns ein Watson über uns selbst erzählen, wenn er unsere Daten auswerten würde? Und wie können Unternehmen die Möglichkeiten für sich nutzen und den Risiken begegnen? Die konkrete Antwort kann nur im konkreten Kontext gegeben werden. Allgemein gilt aber  vorallem eines: Finger schmutzig machen.

Eigene Erfahrungen und Experimente verhelfen abstrakten Szenarien zu echter Substanz; sich auszutauschen, von anderen zu lernen und andere an eigenem Lernen teilhaben zu lassen schadet nur dem, der es nicht macht. Nicht nur Personen sind von digitalen Netzwerken umgeben, auch Unternehmen offenbart sich diese Realität in nie gekannter Deutlichkeit.

Für Unternehmen beschreibt sich ein beständiger Prozess: Aus Kontexten werden durch Sensoren Daten. Und aus diesen Daten müssen wieder Informationen werden, die dann zur rechten Zeit der richtigen Person im richtigen Kontext als Wissensbausteine angeboten werden. Angesichts der schieren Datenmenge, werden zunehmend Bots, Software-Agenten den Weg  der Aufbereitung von den Daten zu den Köpfen übernehmen müssen. Die richtigen Filter werden dabei ein maßgeblicher Qualitätsfaktor sein.

Diese Technologien werden viel mehr Branchen ändern, als dies aus heutiger Sicht deutlich wird. Und nicht zuletzt wird sich die Medienindustrie hiervor nicht verstecken können und es ist eine unserer Aufgaben, die Studenten in der Lehre mit diesen Szenarien vertraut zu machen. Dazu gehört nicht nur das Verständnis der Technologie an sich, sondern auch die Integrationsfähigkeit der selbigen in die Prozesse des Marktes sowie die Förderung eines unternehmerischen Gespürs, wie neue Märkte durch eine Technologie erzeugt werden und welche der alten bedroht sein könnten.

Im Zweiklang mit der unabdingbaren wissenschaftlichen Präzision gilt es folglich, die Phantasiem zu fördern, damit unsere Studenten an der möglichen Zukunft aktiv mit gestalten können.

Verweis:

  1. Steve Jurvetson unter CC-Lizenz