Im Fokus

Spurensucher-Eine fotografische Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Augenblicks

Eine fotografische Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Augenblicks.
Eine Zeitreise mit dem MD.H- Dozenten und Fotografen Wolfgang Fröhling.

Abb. 1; Titel der Zeitschrift Twen

Abb. 1; Titel der Zeitschrift Twen.

Abb. 2; Filmplakat Blow Up

Abb. 2; Filmplakat Blow Up.

Abb. 3; Charles Wilp, bei den Dreharbeiten zu seinem Afri Cola Spot

Abb. 3; Charles Wilp, bei den Dreharbeiten zu seinem Afri Cola Spot.

Ideen müssen spontan um gesetzt werden, sonst verlieren sie die Primärkraft, die aus dem Unterbewusstsein kommt.
Charles Wilp

In einer Stadt mit sieben Zechen waren die beruflichen Perspektiven fast immer mit dem Bergbau verbunden, doch Anfang der 60er Jahre machte sich ein neues Lebensgefühl breit, ausgelöst durch Musik und Kunst. Die Werbung entdeckte die Jugendkultur. Eine der schillernsten Figuren war damals der Düsseldorfer Werbefotograf Charles Wilp. Der Film Blow- Up war einer der wichtigsten Filme dieser Jahre (spielt im London der „swinging sixties“) und Heinz Edelmann (Yellow Submarine) machte mit seinen Fotos und Grafiken für die Kult-Zeitschrift TWEEN einen starken Eindruck auf Wolfgang Fröhling.

Abb. 4; Chez Caro

Abb. 4; Chez Caro.

Das eine Auge des Fotografen schaut weit geöffnet durch den Sucher, das andere, das Geschlossene, blickt in die eigene Seele.
Henri Cartier-Bresson

Nach dem Studium der visuellen Kommunikation an der FH Dortmund und der Essener Folkwang Hochschule, begab sich Fröhling auf die Spuren der Pariser Bohèmè. Er fotografierte die Pariser Künstlersiedlungen, die von Abriss und Spekulationen bedroht waren. In der legendären La Ruche begegnete er einem Zeitgenossen Marc Chagalls. In einer anderen Künstlersiedlung traf Fröhling einen Künstlerkollegen von Piet Mondrian. In der Rue Vercingétorix traf er die holländische Künstlerin Lotti van der Gaag, die mit der avantgardistischen Künstlergruppe CoBrA (1948-1951) nach Paris kam. Lotti war einst mit Alberto Giaccometti, Karel Appel und Corneille befreundet. Sie zeigte Fröhling die gerade verschwindenen Künstlerviertel in Montparnasse. Zu seinem Bedauern stellte er fest, dass man mit Fotografie die Zerstörung zwar nicht aufhalten kann, sie aber dokumentieren. Als Fröhling dem Art Magazin seine Arbeiten anbot, wurde ihm klar, dass die klassische schwarz/weiss Fotografie ein jähes Ende bei den Zeitungsverlagen gefunden hatte. Die Verlage bevorzugten in den 70er Jahren die farbige Fotografie. Sein Einsatz zahlte sich dennoch aus, es folgte eine Atelier-Ausstellung im Bateau Lavoir, der Geburtsstätte des Kubismus, in dem eine zeitlang Picasso mit seiner Geliebten Vernande Olivier in großer Armut lebte.

Abb. 5; Lotti van der Gaag in ihrem Pariser Atelier in der Rue Vercingétorix

Abb. 5; Lotti van der Gaag in ihrem Pariser Atelier in der Rue Vercingétorix.

Abb. 6; Bildhauer in seinem Atelier in der La Ruche

Abb. 6; Bildhauer in seinem Atelier in der La Ruche.

Die Künstlerkolonien gründeten sich im späten 19.Jh., in den Pavillons der ersten Weltausstellung. In den „Cité d´artiste“ begannen die Karrieren vieler heute namhafter Künstler, wie Marc Chagall, Pablo Picasso und Amedeo Modigliani, um nur einige zu nennen.

Abb. 7; Atelier im wieder aufgebauten Bateau Lavoir

Abb. 7; Atelier im wieder aufgebauten Bateau Lavoir.

Seinem Pariser Engagement folgte ein Ruf nach Gelsenkirchen-Buer, wo er 2 Jahre als Museumspädagoge tätig war. Eine seiner wichtigsten Arbeiten am städtischen Museum war die Ausstellung des Gelsenkirchener Künstlers Karl Schwesig, der zu dem Kreis um Mutter Ey und Otto Dix gehörte.

Es folgte eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung mit der digitalen Technik, die ihn durch ganz Europa führte. Wolfgang Fröhlings Schaffen begann wie bei vielen anderen Fotografen in der Provence und der Toscana. „Es ist der touristische Blick, den Sie so schnell nicht loswerden. Die Fotos haben zu wenig, oft gar nichts, mit Ihnen zu tun, als dass sie Ihrer Entwicklung förderlich wären. Machen Sie es wie die amerikanischen Fotografen, fotografieren Sie in Ihrer eigenen Umgebung. Es gibt genügend aufregende Szenen und Geschichten um die Ecke. Das hat nicht nur den Vorteil, dass Sie wirklich kommunizieren können, und fotografieren, wie andere auf Sie reagieren, sondern Sie können nahezu jederzeit arbeiten – und nicht nur die zwei Monate im Jahr, die Sie sich den Auslandsaufenthalt sonst bestenfalls leisten können.“ (1) Durch diese Erkenntnis wurde ihm klar, dass seinen Bildern die Authentizität fehlte, deshalb besann er sich auf seine Wurzeln, also auf sein direktes Umfeld. Dabei fand eine Erkenntnis Berücksichtigung: Die berühmten amerikanischen Fotografen machen keine Reiseberichtsfotografie, sondern lichten ihre nähere Umgebung ab. Das faszinierte ihn und so kam es zu einer überraschenden Wendung im Schaffen Fröhlings.

Abb. 8; Hofkultur - Hinterhöfe im Ruhrgebiet

Abb. 8; Hofkultur – Hinterhöfe im Ruhrgebiet.

Nach zahlreichen technischen Experimenten besann er sich wieder auf die kreative Arbeit. Auslöser war eine zufällige Begegnung mt David Hamilton, einer der bekanntesten Fotografen und Vorbild einer ganzen Generation von Fotografen der 60/70er Jahre. Wie bereits vor 25 Jahren mit der Vorliebe für das Vergängliche, begann Fröhling die alten Zechensiedlunge seiner näheren Umgebung abzulichten. Erste Anerkennungen dieser Arbeit folgten: Fotopreis Emscher Genossenschaft, Kalender über die Hofkultur im Ruhrgebiet und Ausstellungen. „Der Begriff „Hofkultur“ scheint zunächst die falsche Wortwahl zu sein und ist meistens mit anderen Assoziationen belegt. Es verhält sich dabei aber so wie mit dem Wort „Landschaft“ wenn man ein Industriegelände beschreibt. Wir reden heute selbstverständlich von „Industrielandschaft“. „Seit Ende 2004 fotografiere ich in den Hinterhöfen der Region, die im Allgemeinen als „Revier“ bezeichnet wird. Das Revier, die Region, opferte seine Landschaft der Industrie, seine Flüsse dem Wohlstand. Die Menschen, die hier arbeiten, schufen sich in ihrem privaten Bereich einen Ausgleich, ihre eigenen Inseln. Diese Inseln waren die Hinterhöfe mit ihren Stallungen und Gärten. Zunächst waren die Gärten Nutzfläche und die Stallungen dem Kleinvieh vorbehalten. Mit zunehmendem Wohlstand änderte sich der Gebrauch von Hof und Garten.“ (Zitat Fröhling)

Abb. 9; Hofkultur - Hinterhöfe im Ruhrgebiet

Abb. 9; Hofkultur – Hinterhöfe im Ruhrgebiet.

In diesen kleinen Hinterhöfen entstanden Kleinode voller Erinnerungen und Lebensgefühl. Die Atmosphäre reicht von mediterraner Stimmung bis zu fernöstlicher Anmutung. Besonders auffällig ist dabei die Vorliebe der Menschen für Wasser. Es entstanden hier Biotope, Koiteiche und kleine Flusslandschaften.

Abb. 10; Bewegte Landschaft

Abb. 10; Bewegte Landschaft.

Die einst vertrauten schwarzen Kohlen- und Kokshalden, die das Panorama der Emscher bildeten, sind aus dem heutigen Landschaftsbild fast verschwunden. Mit dem Blick für das was zu verschwinden droht, entwickelte sich eine neue fotografische Herausforderung für Wolfgang Fröhling. Während seiner Betrachtung erinnerte er sich an den Fotografen Jeanloup Sieff, der in den 70er Jahren einen ungewöhnlichen Bericht über die unerträgliche Stille des Death Valley veröffentlichte. Fröhling erkannte, dass diese Kohlenhalden die gleiche mystische Kraft haben wie die ursprünglichen Landschaften, Lanzarote, Island und die Canyons in den USA.

Durch die Kontinuität seiner Arbeit wurde deutlich, dass sich diese Landschaften permanent veränderten. Fasziniert von der magischen Ausstrahlung der Berghalden fotografierte er ein Jahr lang ein Relikt aus fast vergessenen Zeiten, das Kohlen- und Kokslager der Deutschen Steinkohle AG. In diesem kurzen Zeitraum veränderte sich fast täglich das Aussehen einer fast menschenleeren Mondlandschaft, so Fröhling. Maschinen schütteten neue Halden auf, an anderer Stelle wurden sie wieder abgetragen. Zwischen Auf- und Abschüttung eroberte sich die Natur ihr Terrain zurück. Wind und Regen hinterliessen ihre Spuren genau wie Bagger und Raupen. Die Zeit der ganz großen Halden ist vorbei, moderne Logistik und politische Vorgaben verhindern dies.

Geblieben sind Berge aus taubem Gestein, das Erbe des Bergbaus. Sie sind Orte der Erinnerung an die legendäre Montanzeit. Landmarken erinnern an versunkene Kulturen, machen sie zu mystischen Plätzen. Zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal erstrecken sich die letzten ökonomisch genutzten Gebilde der bewegten Landschaft.

Abb. 11; Bewegte Landschaft

Abb. 11; Bewegte Landschaft.

Fröhlings Fotoserie „Bewegte Landschaften“ reichte er beim Pixelprojekt ein. (2) Dies ist eine digitale Sammlung fotografischer Positionen zum Ruhrgebiet. Vorstellung der Fotografen sowie der Förderer und Kooperationspartner. Dieses Projekt stellt das visuelle Gedächtnis der Region dar. Mit seiner Serie wurde Wolfgang Fröhling in das Projekt aufgenommen und durch diese Plattform erregte er bei dem Magazin Geo Aufmerksamkeit. Im Dezember 2009 erscheint eine Sonderausgabe zum „Kultur Hauptstadt Jahr“ und Fröhling ist mit einem ausführlichen Bericht vertreten, in dem im besonderen Maße die Ästhetik des Augenblicks zu spüren ist.

Abb. 12; Layout Geo Bericht

Abb. 12; Layout Geo Bericht.

Abb. 13; Layout Geo Bericht

Abb. 13; Layout Geo Bericht.

Abb. 5; Dipl.Des. Wolfgang Fröhling

Abb. 5; Dipl.Des. Wolfgang Fröhling.

Ausstellungen / Wettbewerbe / Publikationen:

1988 Preisträger Fassadengestaltung, Parkstadion Gelsenkirchen
2006 Gruppenausstellung Heimatbilder bei Entry 06 Zeche Zollverein, Essen
2006 Gruppenausstellung des Fotoprojekts Emscher: Zukunft Emscherquellhaus, Holzwickede
2006 Jahresschau Kunstverein Bottrop, Kulturzentrum August Everding Bottrop
2006 Fotopreis des Fotoprojekts Emscher: Zukunft Emschergenossenschaft, Essen
2007 “Pixelprojekt_Ruhrgebiet – Neuaufnahmen 2006/07“, Wissenschaftspark Gelsenkirchen
2007 Gruppenausstellung Heimatbild – Utopie und Wirklichkeit, Künstlerhaus Dortmund

Abb. 5; Bewegte Landschaft

Abb. 5; Bewegte Landschaft.

Quellen:
(1) http://www.mm-photoconsulting.de/tutorial/index.html, 09.10.09
(2) http://pixelprojekt-ruhrgebiet.de/index.php?id_language=1 , 03.11.09