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Systemoptimum statt Nutzergleichgewicht: Leistungsmaximierung durch Kollaboration

Es gibt Bereiche, für die ein intuitives Verständnis weder angeboren noch erlernbar ist, zu denen auch exponentielles Wachstum und statistische Wahrscheinlichkeit gehören. Kollaboratives Arbeiten in vernetzten Systemen mit integrierten Feedback-Mechanismen hat kontraintuitive Aspekte, die mit exponentiellem Wachstum und Wahrscheinlichkeit verwandt sind.

Traffic Jam

Traffic Jam

Die Schachlegende als Beispiel für kontraintuitive Exponentialität ist bekannt, ebenso das schlichte Blatt Papier, das lediglich 42 mal gefaltet werden muss, damit seine kumulierte Dicke bis zum Mond reicht, zumindest in der Theorie. Weniger bekannt und daher immer wieder unterhaltsam ist die Geburtstagswette: wie viele Menschen müssen mindestens auf der Party sein, damit meine Chancen 50:50 stehen, dass mindestens eine der anwesenden Personen am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich? Oder die Lottofrage: die Gewinnchance für eine bestimmte 6er-Kombination aus 49 liegt bekannterweise bei etwa 1 zu 14 Millionen – aber wie oft muss gezogen werden, damit die Wahrscheinlichkeit 50:50 ist, dass dieselbe 6er-Kombination zwei Mal erscheint? Tipp: Denken hilft hier nicht, nur Rechnen. Oder bis zum letzten Absatz lesen.

Intuitiv sind Fragen und Probleme, die exponentielles Wachstum und Wahrscheinlichkeiten berühren, nicht zu lösen. Erst wenn wir zu Bleistift und Papier greifen und zu rechnen beginnen, merken wir, wie absurd weit unsere intuitiven Annahmen von den Lösungen entfernt sind. Und mit diesem intuitiven Unverständnis gestalten und verunstalten wir große Teile unseres Lebens und Zusammenlebens. Dass die Welt ist, wie sie ist, ist in hohem Maße abhängig von Rückkopplungen in ökologischen, ökonomischen und insbesondere unseren sozialen Systemen: Rückkoppelungen, die unserem nicht-exponentiellen intuitiven Verständnis unzugänglich sind. Und obwohl wir dies wissen und obwohl wir tagtäglich mit Werkzeugen arbeiten, die es besser können als unser Gehirn, ist der Faktor der Kontraintuitivität oft so immens, dass wir wider besseres Wissen fortfahren, belegbar falsche Entscheidungen zu treffen.

Das betrifft auch unsere Vorstellungen von Kollaboration in Unternehmen. Vernetztes, kollaboratives Arbeiten in Unternehmenszusammenhängen steht fortgesetzt intuitiv im Verdacht, unterm Strich postmoderner Luxus und der Betriebslaune förderlich zu sein, sich aber nicht oder nur unter sehr günstigen Umständen ökonomisch zu rechnen. Uns scheint, als wären die benötigten Ressourcen zur Einrichtung und Aufrechterhaltung effektiver Kollaboration so hoch, dass die notwendigen Investitionen sich nicht rechtfertigen lassen, wenn wir sie im kalten, harschen Licht des ROI betrachten. Tatsächlich jedoch lassen sich durch Investitionen in die technische, arbeitsprozessuale und soziale Vernetzung eines Unternehmens Ergebnisse erzielen, die selbst bei einer Optimierung jeder einzelnen individuellen Arbeitsleistung im Unternehmen unerreichbar sind.

Das wahrscheinlich griffigste Beispiel dafür stammt aus dem Bereich Transport und Verkehr. Generell gilt, dass alle Verkehrsteilnehmer bei der Auswahl ihrer Route versuchen, ihre Fahrzeit und damit ihre Aufwände oder Kosten zu minimieren. Wenn niemand der Beteiligten die eigenen Kosten weiter minimieren kann, ist das sogenannte Nutzergleichgewicht erreicht. Dieses Nutzergleichgewicht ist identisch mit John Glen Wardrops »Erstem Gleichgewichtsprinzip« für Transportnetzwerke, verwandt und vergleichbar mit dem Nash-Gleichgewicht aus der Spieltheorie. Wenn jedoch alle Teilnehmer kollaborieren und versuchen, auf eine Weise zu fahren, die nicht die eigenen Kosten, sondern die Gesamtkosten des Systems minimiert (Wardrops Zweites Gleichgewichtsprinzip), entsteht eine Gesamtkostenminimierung, von der das Gesamtsystem und damit wiederum die Teilnehmer profitieren. Der springende Punkt dabei ist: Dieser Profit des Gesamtsystems ist mit nicht-kollaborativem Verhalten mathematisch nicht erzielbar.

Gleiches gilt für nicht-kollaborative gegenüber kollaborativen Arbeitsprozessen. Eigenschaften wie Silodenken und der »Wettbewerb« von Abteilungen oder ganzen Unternehmenszweigen gegeneinander, oft sogar gefördert von höchster managerialer Stelle, entsprechen der individuellen Fahrzeiten- und Kostenminimierung auf Kosten des Gesamtsystems. In der Vergangenheit konnte dies fatale Folgen haben, musste aber nicht, abhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Nutzergleichgewichte auf Kosten des Gesamtsystems können dauerhaft aufrechterhalten werden, wenn das Unternehmen genügend Ressourcen hat, die es auf die damit verbundenen Probleme werfen kann. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wenn die Entwicklung der vergangenen Jahre nicht eine vorübergehende ist, sondern, wie Philip Kotler und andere annehmen, wir durch weltweite digitale Vernetzung und instantane Kommunikation aus dem klassischen Marktzeitalter der periodischen Expansion und Rezession in ein neues Marktzeitalter der »permanenten Turbulenz« gewechselt sind, wird die Fatalitätsrate von auf Nutzergleichgewicht getrimmten Unternehmen dauerhaft und spürbar steigen.

Und selbst dieses Hinzufügen von Ressourcen war und ist, wiederum kontraintuitiv, oft sogar kontraproduktiv und aggraviert die Probleme, die es lösen soll. Denn tatsächlich ist es so, dass in nicht-kollaborativen Umgebungen das Hinzufügen von Ressourcen – zusätzliche Straßen, zusätzliche Arbeitskräfte, zusätzliche Produktionsmittel etc. – die Leistung des Gesamtsystems verschlechtern kann. Dies ist das sogenannte Braess-Paradoxon, das gerade in großen Unternehmen mit Innovationsproblemen oft beobachtbar am Werk ist.

Innovation, schließlich, ist der dritte Aspekt im kontraintuitiven Gefüge von Kollaboration. Das Nutzergleichgewicht ist, wie ausgeführt, erreicht, wenn niemand der Beteiligten die eigenen Aufwände weiter minimieren kann. Dies lässt sich alternativ formulieren als maximal erreichbare Effizienz von individuellen Fahrtrouten im Transportbeispiel oder von nicht systemweiten Arbeitsabläufen in Unternehmen – vertikal innerhalb von Silos oder horizontal entlang von Prozessen. Maximale Effizienz jedoch hat nur minimale Toleranzen, deshalb bringt maximale Effizienz oft minimale Veränderung und minimale Risikobereitschaft mit zur Party. Ohne Veränderung, ohne Risiko, ohne Versuch & Irrtum und ohne Irrtum kann jedoch keine Innovation entstehen. Die Effizienz von Teilsystemen garantiert nicht die Effektivität des Gesamtsystems, oder gar dessen Zukunft. Es kann sie sogar reproduzierbar behindern.

Infrastrukturen zu schaffen für Kollaboration ist aufwendig; Kollaboration selbst kommunikations- und konversationsintensiv und für sich betrachtet scheinbar ineffizient und “messy”; Fehler und kollektive Märsche in die falsche Richtung sind nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass manageriale Intuition überfordert ist mit der Erkenntnis, dass dem Unternehmen ohne Kollaboration überragende Erfolge und Ergebnisse mathematisch wie praktisch verschlossen bleiben, dass klassische, auf Nutzergleichgewichte angelegte Arbeitsstrukturen Ressourcen des Gesamtsystems verbrennen, obwohl sie selbst durchaus effizient sind, und dass diese partikularen Effizienzen selbst wiederum Innovation behindern. Genauso überfordert wie unsere generelle Intuition es ist, wenn es darum geht, dass für die Beispiele im allerersten Absatz nur 23 Menschen auf der Party sein müssen für eine 50:50-Chance, meine Wette zu gewinnen, und bereits 4404 Ziehungen ausreichen für die 50:50-Chance, dass eine beliebige 6er-Kombination zweimal gezogen wird. Apropos Partybeispiel: Wenn mehr als 56 Menschen auf der Party sind, liegt die Chance, dass zwei davon am gleichen Tag Geburtstag haben, bereits bei über 99 %. Also das nächste Mal nicht wundern, wenn sich für das kollaborative Projektteam kein gemeinsamer Meeting-Termin finden lässt, obwohl jedes Mitglied nur an einem einzigen Tag keine Zeit hat.

Illustration

“Traffic Jam” by Bud Adams (Public Domain)

Kurzverweise

Schachlegende
Paper Folding to the Moon
Partywette und Lottofrage
John Glenn Wardrop
Nash Equilibrium
Braess-Paradoxon