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Wie Studierende ein wissenschaftliches Forschungsziel konkretisieren

Studierende, die eine wissenschaftliche Arbeit schreiben, sollten unabhängig vom Themenfeld unbedingt eine konkrete Forschungsfrage formulieren und (eine) dazu gehörende wissenschaftliche Hypothese(n) aufstellen.
 Denn die ‚Formulierung einer konkreten Forschungsfrage‘ und die ‚Formulierung einer Hypothese‘ erhöhen nicht nur die Qualität der Arbeit enorm, sondern beide Instrumente erleichtern vor allem den Studierenden ihre wissenschaftliche Arbeit enorm! 
Dies soll am folgenden Beispiel-Themenfeld belegt werden.

1. Das Themenfeld

Ausgangspunkt ist immer ein wissenschaftliches Themenfeld – entweder vom Studierenden selber gewählt (bspw. bei einer Bachelor- oder Masterarbeit) oder vom Dozenten (bspw. im Rahmen eines Moduls) vorgegeben. Für das Beispiel soll hier das Themenfeld vorgegeben werden:

‚Journalismus und Kriegshandlungen‘.

Unstreitig ist nun, dass Studierende ihr Forschungsziel auf den Journalismus bezogen auf den Inhalt ‚Krieg‘ richten müssen.

Wenn sie das Themenfeld nun aber nicht weiter eingrenzen, sind sie ‚gezwungen‘, alle Aspekte dieses Themenfeldes zu bearbeiten, also beispielsweise:

  • die Geschichte von Kriegsjournalismus,
  • spezifische Erwartungshaltungen der Rezipienten,
  • den Einfluss der Politik,
  • den Einfluss des Militärs,
  • Spannungsfelder speziell der visuellen Kriegsberichterstattung,
  • aktuelle Entwicklungen,
  • spezifische Möglichkeiten der Online-Berichterstattung,
  • die Leistungen bedeutender Journalisten,
  • usw., usw. ….

Sie sind deshalb gezwungen, weil sie selbst(!) nicht vorher(!) gesagt haben, dass und warum sie nur bestimmte Aspekte des Themas untersuchen wollen – allein die Ressourcen ‚Zeit‘ und Umfang‘ widersprechen schon fast immer einer solchen wissenschaftlichen Untersuchung!

Jeder Leser der Untersuchung hat aber daher auch das ‚Recht‘ auf die Behandlung und Präsentation eben aller denkbaren Themenaspekte – und das kann natürlich niemand leisten (nicht einmal Dozenten an der MD.H. ;-) …) Also fokussieren Studierende ihr Forschungsziel nur auf ausgewählte Aspekte ihres wissenschaftlichen Themenfeldes, im Idealfall – dies muss natürlich inhaltlich sinnvoll sein – auf einen zentralen Aspekt.

Welche(n) Aspekt(e) sie wählen, folgt persönlichen Präferenzen – es folgt aber vor allem der Recherche zum Themenfeld: Denn die zeigt auf, welche Aspekte noch gar nicht wissenschaftlich untersucht wurden, welche  Aspekte vielleicht insbesondere aktuell untersucht werden sollten oder auch, welche Aspekte schon so  umfassend untersucht worden sind, dass weitere Untersuchungen keinen wissenschaftlichen Sinn mehr machen.

Da die Recherche zum Themenfeld ‚Journalismus und Kriegshandlungen‘ immer auch zu dem Ergebnis führt, dass die Journalisten ihre Berichterstattung über Kriegshandlungen nur innerhalb sehr einschränkender Bedingungen realisieren können, soll dieses Recherche-Ergebnis hier als relevanter Primär-Aspekt gewählt werden:

‚Einschränkungen für den Journalismus über Kriegshandlungen‘

Dies ist nun zwar eine deutliche Themeneingrenzung des Forschungszieles, die Studierenden sind aber immer noch gezwungen alle(!) Detailaspekte dieses zentralen Aspektes zu bearbeiten, also beispielsweise immer noch:

  • spezifische Erwartungshaltungen der Rezipienten,
  • der Einfluss der Politik,
  • der Einfluss des Militärs,
  • Spannungsfelder speziell der visuellen Kriegsberichterstattung,
  • aktuelle Entwicklungen,
  • usw., usw. ….

Wieder wird schnell klar, dass auch dies in der Praxis in der Regel nur schwer zu leisten ist. Deshalb sollten Studierende nun das Instrument ‚Formulierung einer konkreten Forschungsfrage‘ anwenden.

2. Das Instrument ‚Formulierung einer konkreten Forschungsfrage‘

Zur Formulierung einer konkreten Forschungsfrage wird die oben genannte ‚Benennung‘ des zentralen Aspektes in eine direkte Frage umgewandelt und zwar exakt in die Frage, die direkt nach dem Untersuchungsziel fragt: Was an diesem Aspekt primär wissenschaftlich untersuchungsrelevant ist bzw. vordringlich wissenschaftlich interessiert!

Die Forschungsfrage, was primär untersuchungsrelevant ist bzw. vordringlich am zentralen Aspekt interessiert, folgt auch persönlichen Präferenzen – sie ist aber vor allem wieder das Ergebnis der Recherche zum zentralen Aspekt: Was wurde gar nicht wissenschaftlich untersucht, was ist aktuell untersuchungsrelevant, was benötigt keine weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen.

Da Journalismus immer eine zentrale Bedeutung für das Funktionieren von Demokratien hat, ist es essentiell, dass er eben nicht in begrenzenden Bedingungen erfolgt – es ist also von grundsätzlicher Bedeutung zu untersuchen, welche Bedingungen ihn begrenzen. Eine konkrete Forschungsfrage könnte also lauten:

‚Welche Faktoren schränken den Journalismus über Kriegshandlungen ein?‘

Mit dieser Konkretisierung des Forschungszieles grenzen Studierende klar die Aspekte ein,  die für das Themenfeld behandeln werden müssen; es sind jetzt bspw. nur noch:

  • spezifische Erwartungshaltungen der Rezipienten,
  • der Einfluss der Politik,
  • der Einfluss des Militärs.

Ob diese Forschungsaktivitäten nun zu realisieren sind, ist eine Einzelfallentscheidung: Und die hängt immer vom jeweiligen Forschungsziel oder den Rahmenbedingungen einer wissenschaftlichen Untersuchung ab (wie bspw. den genannten Resourcen ‚Zeit‘ und Umfang‘.)

Da dieser Beitrag aber Instrumente zur Konkretisierung von wissenschaftlichen Forschungszielen erklären will, wird an dieser Stelle von einer weiter notwendigen Konkretisierung ausgegangen. Und da die Recherchen zum Aspekt ‚Einschränkungen für den Journalismus über Kriegshandlungen‘ immer auch zum Ergebnis führen, dass die Journalisten vor allem in ihrer Recherche massiv einschränkt sind, ergibt sich diese weitere Konkretisierung der bestehenden Forschungsfrage:

‚Welche Faktoren schränken die Recherche von Journalismus über Kriegshandlungen ein?‘

Mit dieser weiteren Konkretisierung ihres Forschungszieles sagen Studierende klar, dass sie nicht alle einschränkenden Faktoren bei der Berichterstattung über Kriegshandlungen untersuchen, sondern nur die, die im Zusammenhang zur journalistischen Recherche stehen. Somit sind bspw. nurmehr diese Aspekte relevant:

  • Einfluss der Politik,
  • Einfluss des Militärs,
  • Erwartungshaltungen der Rezipienten.

Natürlich kann auch diese Forschungsfrage noch weiter konkretisiert werden, auch hier ist der ‚richtige‘ Grad der Konkretisierung immer eine Einzelfallentscheidung. Aber das Instrument  ‚Konkretisierung der Forschungsfrage‘ soll jetzt als ausgeschöpft bewertet werden, um das zweite Instrument zu Konkretisierung von Forschungszielen, die Formulierung von wissenschaftlichen Hypothesen, darzustellen.

3. Das Instrument ‚Hypothesen-Formulierung‘

Dabei wird eine wissenschaftliche Hypothese verstanden als Aussage, für die der Autor erwartet, dass sie ein zentrales Ergebnis der Untersuchung sein wird bzw. kann – quasi also eine vorweggenommene Antwort auf die konkrete Forschungsfrage.

Den Effekt, den solche ‚vorweggenommenen Antworten‘ für die Konkretisierung des Forschungszieles haben, beweist das hier behandelte Themenbeispiel:

Denn die entsprechenden Recherchen führen bspw. auch immer zu dem Forschungsergebnis, dass vor allem die militärischen Akteure die journalistische Recherche beeinflussen, bspw. durch Maßnahmen wie Desinformation aber tatsächlich auch durch ‚Embedded Reporting‘. Damit wäre also bspw. die folgende Hypothese sinnvoll:

‚Es sind speziell vom Akteur ‚Militär‘ ergriffene Maßnahmen, die die Recherche von Journalismus über Kriegshandlungen einschränken.‘

Und mit dieser Hypothese rücken Studierende klar nachvollziehbar – auch für jeden Leser der Untersuchung – die vom ‚Militär‘ ergriffenen Maßnahmen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung.

Automatisch zeigen sie dazu eindeutig an, dass sie bspw. die (auch relevanten) Einschränkungen durch politische Akteure oder die Erwartungshaltung von Rezipienten in dieser wissenschaftlichen Untersuchung nicht schwerpunktmäßig behandeln. Und damit ist als zwangsläufige Konsequenz das Forschungsziel noch weiter konkretisiert – nur bspw. der folgende Aspekt ist noch relevant:

Einfluss des Militärs

An dieser Stelle muss aber unbedingt eine Anmerkung gemacht werden: Um das Instrument ‚Formulierung von Hypothesen‘ einsetzen zu können, ist auf jeden Fall tiefere Themenkenntnis notwendig – welche Hypothese(n) Studierende formulieren, kann nur als eine Konsequenz der Recherchen zum Thema erfolgen (was nun auch final die Bedeutung einer intensiven Themen-Recherche belegt!).

4. Fazit

Ob eine Forschungsfrage ‚zu eng formuliert‘ oder ‚zu weit gefasst‘ ist, muss immer im Einzelfall entschieden werden.

Welche Möglichkeiten die Instrumente ‚Formulierung einer konkreten Forschungsfrage‘ und ‚Hypothesen-Formulierung‘ aber zur Konkretisierung eines Forschungszieles bieten, zeigt noch einmal die komprimierte chronologische Darstellung ihrer hier vorgenommen Anwendung:

(1)‚Journalismus und Kriegshandlungen‘
(2)‚Einschränkungen für den Journalismus über Kriegshandlungen‘
(3)‚Welche Faktoren schränken den Journalismus über Kriegshandlungen ein?‘
(4)‚Welche Faktoren schränken die Recherche von Journalismus über Kriegshandlungen ein?‘
(5)‚Es sind speziell vom Akteur ‚Militär‘ ergriffene Maßnahmen, die die Recherche von Journalismus über Kriegshandlungen einschränken.‘

Und ganz klar wird auch, dass die Formulierung einer konkreten Forschungsfrage und die Formulierung von Hypothesen nicht nur die Qualität der wissenschaftlichen Untersuchung erhöht, sondern dass sie den Studierenden automatisch und enorm die Arbeit erleichtert:

Denn der ‚einstige Zwang’, eine nicht zu bewältigende Anzahl an Aspekten für einen eher unspezifischen wissenschaftlichen Forschungsstand zu behandeln, hat sich in eine leistbare Beantwortung einer konkreten Forschungsfrage für einen konkreten neuen wissenschaftlichen Forschungsstand verwandelt.

Und das hilft beiden: Der Wissenschaft eben zu einem neuen, intersubjektiv nachvollziehbaren wissenschaftlichen Forschungsstand – und den Studierenden zu einer besseren Benotung ihrer wissenschaftlichen Arbeit!.

5. Literatur

Zusätzliche Informationen enthält diese Literatur:

  • Boeglin, Martha (2007): ,Wissenschaftlich arbeiten. Schritt für Schritt. Gelassen und effektiv studieren‘ München.
  • Ebster, Claus und Stalzer, Liselotte (2008): ‚Wissenschaftliches Arbeiten für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler‘, Wien.
  • Hunziker, Alexander W. (2008): ‚Spass am wissenschaftlichen  Arbeiten. So schreiben Sie eine gute Semester-, Bachelor- oder Masterarbeit‘, Zürich.
  • Karmasin, Matthias, Ribing, Rainer (2009): ,Die Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten. Ein Leitfaden für Seminararbeiten, Bachelor-, Master- und Magisterarbeiten, Diplomarbeiten und Dissertationen‘, Wien.
  • Sesnik, Werner (2007): ‚Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten. Internet, Textverarbeitung, Präsentation‘, München, Wien.