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U-Turn Welcome – vom Werbetexter zum Romanautor. Ein Interview mit Jo Schuttwolf

Autor: Bert Neumeister

Jo Schuttwolf hat lange Zeit als Werbetexter für die Agenturen Grey und Ogilvy&Mather gearbeitet und unterrichtet heute im Fachbereich Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule in Düsseldorf. Neben seiner Tätigkeit als Dozent und Regisseur arbeitet er als Autor. Anlässlich der Erscheinung seines neuen Romans „U-Turn Welcome“ und seinem Wechsel vom Werbetexter zum Buchautor interviewt ihn Prof. Dr. Bert Neumeister von der Mediadesign Hochschule in Berlin.

Jo Schuttwolf (Foto: privat)

BN:  Wer sich in der Berliner U-Bahn umschaut, sieht nur noch selten ein Buch. Die meisten Menschen sind mit ihren Handys beschäftigt. Im aktuellen IKEA-Katalog sind die Billy-Regale nicht mehr mit Büchern, sondern mit Deko-Artikeln bestückt. Verschwindet das Buch langsam aus unserem Alltag?

JS:  Nein, das würde ich so nicht sagen. Es stimmt, dass der deutsche Buchhandel in den letzten Jahren immer mehr Leser verloren hat. Aber die Umsätze sind in dem Maße nicht zurückgegangen. Das liegt zum einen daran, dass der Taschenbuch-Verkauf gesunken, der E-Book-Verkauf aber gestiegen ist. Interessant ist dabei ein verändertes Leseverhalten: die Schere zwischen Viellesern und Nicht-Lesern wird größer. Weniger Menschen haben mehr gelesen oder teurere Bücher gekauft. Also generell kann man wohl sagen, dass Netflix und die vielen anderen Entertainment-Angebote die Menschen vom Lesen abhalten, das ist richtig! Aber für viele wird Lesen auch zu einem Ruhepol, einer „entschleunigten“ Alternative zum hektischen Alltag. Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickeln wird.

 

BN:  Das Medium Buch ist ja primär ein Kulturgut in dem gesellschaftliche Themen verhandelt werden. Gleichzeitig ist es aber auch ein Wirtschaftsgut, welches ökonomischen Interessen unterliegt. Wie siehst du als Autor dieses Spannungsfeld am Beispiel von „U-Turn Welcome“?

JS:  Also generell kann es da schon Konflikte geben, z.B. wenn es sehr biographisch angelegte Bücher sind. Eine Kollegin von mir hatte ein Buch über bestimmte historische Ereignisse aus ihrer persönlichen Sicht geschrieben. Der Verlag fand das im Prinzip gut, hat sie aber immer gedrängt, viel reißerischer daran zu gehen, notfalls Dinge aufzubauschen, um das Buch besser verkaufen zu können. Das wollte sie aber nicht, weil sie sich der Wahrheit verpflichtet fühlte. Aus der Zusammenarbeit mit dem Verlag wurde dann letztendlich nichts. Bei mir war das anders. Mein Buch hat zwar auch ein paar biographische Elemente, ist aber reine Fiktion. Und weil ich es sowieso liebe, zu übertreiben und zu dramatisieren (ich komme ja aus der Werbebranche) gab es bei mir überhaupt keinen Spagat zwischen „Kunst“ und „Kommerz“. Ein Buch ist eben immer ein Kultur- UND Wirtschaftsgut, sobald es im Buchhandel ist. Mit allen Verflechtungen und Kompromissen, die man hin und wieder eingehen muss. Das ist die Challenge für jeden Autor, der erfolgreich sein möchte.

 

BN:  Was tust du gegenwärtig, um sowohl dein Buch als auch dich als Newcomer in der Literaturszene zu promoten? Mit welchen Kommunikationsmaßnahmen hast du bislang die besten Erfahrungen gemacht?

JS:  Da ich in einem kleineren Verlag veröffentlicht habe, der nicht über diese riesigen Werbebudgets verfügt wie die großen Verlage, ist es schon gut, selber etwas aktiv zu werden z.B. mit Lesungen in Büchereien, Kontaktaufbau zu Bloggern und lokalen Zeitungsredakteuren. Momentan kontaktiere ich verschiedene Radiosender. Was letztlich davon am besten funktioniert, kann ich final noch nicht sagen, aber am unproblematischsten waren bisher die Blogger. Aber das liegt auch daran, dass ich bei Instagram und vor allem bei Facebook ziemlich aktiv bin und mir ein großes Netzwerk aufgebaut habe. Die vielen Möglichkeiten, die man hat, wenn man sich in bestimmten Gruppen (Buch-, Leser- und Autorengruppen) vernetzt, sind gut nutzbar. Ich glaube, das ist DER Tipp zum Thema Buchmarketing schlechthin: Online-Vernetzung! Für einen Autor heute enorm wichtig.

 

BN:  Was hat es mit dem Titel „U-Turn Welcome“ auf sich und welche Leserschaft möchtest du damit ansprechen?

JS:  Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Situationen im Leben, wo es nicht mehr weitergeht, zwar unangenehm sind, aber im Nachhinein sich oft als wahrer Segen entpuppen können! Wenn sich z.B. bestimmte Ziele, auf die man absolut fixiert ist, einfach nicht erreichen lassen, ist es manchmal ratsam, eine Kehrtwende, einen „U-Turn“, zu machen und woanders sich mal umzuschauen. Oft findet man ganz neue Wege und Möglichkeiten und ist froh, dass das ursprünglich Angestrebte nicht geklappt hat. Das Leben hält diese schicksalhaften Überraschungen für uns bereit und das ist ja auch gut so, denn das macht alles spannender. Davon handelt „U-Turn Welcome“. Wen ich mit dem Buch ansprechen möchte, sind Menschen, die offen sind für neue Dinge, neue Erlebnisse. Das sind primär junge Leute (im Studentenalter), wo sowieso gerade viel passiert, oder mittelalte, die sich auf dem Zenit ihres Lebens fragen, was jetzt wohl noch kommen könnte. Das sind sehr interessante Zielgruppen, bei denen das Mindset „veränderungsfreudig“ ist.

 

BN:  Deine Geschichte führt drei sehr unterschiedliche Hauptfiguren zueinander. Wie hast du diese recherchiert, um die verschiedenen Charakterzüge authentisch darzustellen?

JS:  In jedem der Charaktere stecke ich natürlich selber drin. In TOM habe ich meine Sehnsucht nach neuen Ufern gepackt, in ANDY meine Werbeagentur-Erfahrung und in JUANA die Leidenschaft fürs Fliegen. Natürlich musste ich bei den teilweise extremen Dingen, die die Protagonisten erleben sollten, recherchieren. Habe z.B. vieles im Netz über „Train Hopping“ in den USA gelesen, aber auch einen Freund (Reha-Trainer in einer Klinik) interviewt. Die Therapiemaßnahmen, die ich in dem Buch beschreibe, sollten eben möglichst realistisch sein. Das heißt auf der einen Seite in sich hineinhorchen, damit die Gefühlswelt wirklich nachvollziehbar wird und auf der anderen Seite die vielen Informationsquellen im Netz und bei Fachleuten nutzen, damit die Fakten stimmen.

 

BN:  Wieviel von Jo Schuttwolf ist im Roman zu finden? Sind deine Erfahrungen in der Werbebranche mit in die Geschichte eingeflossen?

JS:  Ja in „U-Turn Welcome“ steckt viel von mir drin. Aber sehr verstreut. Der Roman ist eine Zusammensetzung aus Dingen, die ich erlebt habe, die ich glaube gelernt zu haben, die ich fürchte und nach denen ich mich sehne. Die Orte, die Charaktere und die Erlebnisse sind sehr persönlich motiviert. Aber nicht 1:1 biographisch, sondern wie eine Art innerer Roadtrip in die äußere Form einer abenteuerlichen Story verwandelt. Klar, das meiste ist maßlos übertrieben, dramaturgisch zugespitzt, damit es auch spannend zu lesen ist. Wer erlebt schon in zwei Wochen solche Abenteuer, die Stoff für ein ganzes Leben sind. Aber vieles geht ursprünglich auf meine konkreten persönlichen Erfahrungen zurück z.B. das Drachenfliegen und natürlich die Beschreibung der Werbewelt. Natürlich sind die Eskapaden von ANDY aus dramaturgischen Gründen übertrieben worden, aber es gibt solche Typen wie ihn. Und wie im Roman der Workflow bei einer Werbespot-Produktion geschildert wird, das ist schon ziemlich realistisch.

 

BN:  Kam dir der Beruf als Werbetexter zu Gute, als du mit dem Schreiben angefangen hast, oder anders gefragt, ist es schwieriger einen Roman zu schreiben als einen Werbetext?

JS:  Also ich fand es anfangs schwierig, mir vorzustellen ein Buch zu schreiben. Allein wegen der Länge. Werbetexte sind immer sehr kurz und einen ganzen Roman fertigzustellen, habe ich mir erstmal nicht zugetraut. Es ist wie beim Film: Wenn du als Regisseur nur Kurzfilme machst, wirst du Respekt vor 120 Minuten haben, die du spannend füllen musst. Aber mit der Zeit bin ich da irgendwie reingewachsen. Und mein Roman ist auch nicht sehr lang. Ich bewundere Autoren, die einen dicken und doch spannenden Wälzer schreiben!

 

BN:  Vielleicht fühlen sich jetzt einige Leserinnen und Leser dazu inspiriert, ihre eigene Geschichte zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen. Kannst du Menschen einen guten Tipp geben, wie sie mit dem Schreiben anfangen können? Und wie findet man einen passenden Verlag?

JS:  Ein Buch zu schreiben, ist eine tolle Erfahrung, auch eine Art innerer Roadtrip. Manche, die gerne lesen, könnten vielleicht auch selber etwas schreiben. Wer auch nur den leisesten Impuls dazu verspürte, sollte unbedingt anfangen! Gar nicht mal mit dem Schreiben selber, sondern vielleicht mit ein paar Stichworten oder einer Zeichnung auf einem Zettel oder ein paar inspirierenden Fotos, die man sich aus dem Netz runterlädt und in einem Ordner sammelt. Denn das ist wichtig: Man sollte diese Zettel oder Fotos nicht wieder wegschmeißen, sondern an einem bestimmten Ort ablegen, ihnen eine Wichtigkeit geben, denn dann beginnen sie zu leben! Eine interessante psychologische Erfahrung. Einen Verlag zu finden ist heute nicht so einfach. Jeden Tag werden hunderte von Manuskripten eingereicht. Aber viele machen auch grobe Fehler dabei. Zuerst muss man recherchieren, um die richtigen Verlage zu finden, die vom Angebot und vom Profil her zum Buchprojekt passen. Dann sollte man ein möglichst überzeugendes Exposé von seinem Buch schreiben. Ja und letztlich muss dann die Textprobe überzeugen (nie ein ganzes Manuskript verschicken, sondern nur eine ausgewählte Leseprobe daraus). Wenn das alles nicht klappt, gibt es Literaturagenten, die einen vermitteln können oder Self-Publishing, heute in Zeiten von Social Media für viele eine durchaus gute Möglichkeit.

BN:  Ich wünsche dir und „U-Turn Welcome“ viel Erfolg. Herzlichen Dank für das Interview!

 

Abbildung: SWB Media Entertainment

Abbildung: SWB Media Entertainment

U-Turn Welcome: Roman

Broschiert: 204 Seiten
Verlag: SWB Media Entertainment (2019)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3946686761
ISBN-13: 978-3946686767

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